Radfahren in Kenia – das Wichtigste

Sicherheit

scheint in erster Linie ein Großstadtproblem zu sein. Nairobi soll in den letzten Jahren deutlich sicherer geworden sein, aber noch immer gibt es offenbar ziemlich viele Raubüberfälle. Auch Menschenansammlungen (Streik, Demo, Straßensperre…) sind ernst zu nehmen, vor allem als brauchbare Kulisse für Diebstähle und Überfälle. Die Kenya Bike Odyssey umfährt Städte aber weitgehend und auf dem Land gibt es offenbar kaum Probleme.

Straßenqualität

Meistens: nein.

Es gibt sie, die gut asphaltierten, ruhigen Straßen durch wunderschöne Landschaften, aber sie sind schon eher die Ausnahme. Die offizielle Kenya Bike Odyssey führt auch dort, wo sie existieren, nicht immer darauf entlang. Viel öfter rumpelt man über extrem steinige Wege und das kann sehr anstrengend werden. Ist halt eher was für Mountainbiker.

OK, als ich losfuhr war ich dieses Mal absolut nicht fit, monatelanger Stress bei der Arbeit, kaum Sport, kurz zuvor krank gewesen, jung bin ich auch nicht mehr… aber auch andere warnen davor, die eher kurzen Tagesetappen zu unterschätzen. Das Rift Valley hat sehr viele Steigungen, und die kommen zur schlechten Straßenqualität dazu. Teilweise kann es auch ziemlich heiß werden, das hängt davon ab, auf welcher Höhe man sich gerade befindet. (aber es ist selten so heiß, wie man denkt, wenn man „Äquator“ hört)

Als ich mal einfach nach Navi (Komoot bzw. Osmand) gefahren bin, stieß ich schnell auf ein Problem, das wohl verbreitet ist: Kleine Straßen führen oft über Privatbesitz und da war dann mehrmals ein verschlossenes Tor vor der Straße. War in meinem Fall nicht schlimm, weil ich die Hauptstraße als Alternative hatte, aber dennoch: kleine Straßen, die auf den Navis auftauchen, sind nicht immer öffentlich.

Fahrräder in Kenia

Ja, gibt es relativ viele, wenn auch die riesigen Mengen an Motorrädern ihnen den Rang abgelaufen haben. Viel sieht man noch eine (britische?) Bauart aus den 1960ern. Die meisten Räder werden für kurze Strecken genutzt, in Nakuru gab es außerdem viele Fahrradtaxis (Ja, wirklich, man setzt sich auf den gut gepolsterten Sitz hinter den Fahrer, wie bei Motorradtaxis auch). Die Existenz bedeutet nicht, dass Räder als Verkehrsmittel ernst genommen werden, aber zumindest haben die meisten Autofahrer Erfahrung damit, wieviel Platz ein Rad braucht oder wo es überall auftauchen kann. Trotzdem möchte man auf vielen Hauptstraßen wirklich nicht fahren – wenn eine Straße keinen Seitenstreifen hat und der Verkehr dicht ist, wirkt es schon sehr gefährlich.

Dass Leute per Fahrrad reisen finden die meisten Kenianer vermutlich überraschend, aber die Kenya Bike Odyssey ist schon einigermaßen bekannt und man hat sich darauf eingestellt: erste Unterkünfte und Campingplätze richten sich gezielt auf Radfahrer ein, manche Hotels haben Sonderpreise für Radfahrer und viele bieten an, auf ihrem Gelände zu zelten.

Fahrrad in öffentlichen Verkehrsmitteln

Angesichts der Kombination aus meinem Fitnesslevel zu Beginn der Tour und der Straßenqualität habe ich in kurzer Zeit viel Erfahrung damit gesammelt, mein Rad in öffentlichen Verkehrsmitteln unterzubringen. Ergebnis: kein Problem. So gut wie überall gibt es Matatus, also Kleinbusse mit festgelegten Strecken. So jedes fünfte davon hat einen Dachgepäckträger und bindet ungefähr für den Preis eines Personentickets Fahrräder und bei Bedarf anderes Gepäck drauf. Von anderen Leuten habe ich gehört, dass man sich im Zweifel auch aus weiter entfernten Städten ein Uber kommen lassen kann. Habe ich nicht probiert, aber im Zweifel wird es einem praktisch immer gelingen, ein Auto aufzutreiben, dass einen relativ günstig von A nach B bringt. Ah, und nicht zu vergessen: Boda-Bodas (Motorradtaxis) können auch praktisch alles transportieren: andere Motorräder, große Mengen Holzkohle, große Sofas, vier Personen gleichzeitig…ich weiß nicht genau, wie Fahrrad, Fahrradgepäck, Fahrradfahrer und Motorradfahrer gleichzeitig auf ein Motorrad passen, habe aber keinen Zweifel, dass es geht.

Übernachtung

Vom wild campen wird zumeist abgeraten, zu viele Nilpferde, Büffel und Elefanten, die so ein Zelt auch mal übersehen können. Aber auf der Route gibt es ausreichend Unterkünfte und Campingplätze. Im Zweifel kann man sicher auch fragen, ob man neben einem Haus o.ä. zelten kann. Ein Zelt sollte man in jedem Fall dabeihaben, auf einigen wenigen Etappen gibt es keine Alternative.

Hotels können extrem unterschiedliche Preise haben, darauf sollte man bei der Planung immer einen Blick werfen. Es gibt relativ günstige Gästehäuser und dann Hotels, die mehrere 100 Euro pro Nacht und Person (!) kosten – wenn diese Touristen schonmal da sind, sind sie ja oft auch bereit zu zahlen. Anrufen hilft oft. während auf Booking.com oft Mondpreise stehen, war das, was mir am Telefon gesagt wurde, meistens schon viel günstiger.

Hotels

sind nicht immer Häuser, in denen man übernachten kann. Oft handelt es sich um kleine Läden, in denen man unterwegs etwas essen kann und in jedem Fall sehr heißen Tee mit vielviel stark gesüßter Milch bekommt. Wichtig ist das, weil Google maps diese Läden nicht immer von richtigen Hotels unterscheiden kann.

Nationalparks

haben oft Preise, die sich gewaschen haben. Sie unterteilen fast durchweg in drei Kategorien: Staatsbürger (günstig), Residents (völlig OK) und Ausländer (richtig teuer). In ganz wenigen Fällen habe ich es geschafft, neben meinen in Kenia lebenden Freunden als Resident durchzugehen, normalerweise wird das kontrolliert. Klar, die Parks lohnen sich trotzdem, aber einfach nur kurz durchfahren ist tendenziell zu teuer.

Mobiltelefon und Geld

Nach allgemeiner Auffassung hat Safaricom das beste Netz, wo ich unterwegs war, gab es praktisch immer Internet. Andere Anbieter können billiger sein (ist aber angesichts der günstigen Preise irrelevant), Esims sind erhältlich, aber nicht überall.

Der Geldverkehr funktioniert weitgehend elektronisch. Fast alles wird per Handy bezahlt, mit einem System namens MPesa. Es funktioniert zwischen kenianischen Handynummern und gehört zum ebenfalls zum Netzprovider Safaricom. Man richtet es in einem der unzähligen Läden ein und lädt Geld auf, dann bezahlt man jeweils, indem man Geld an eine anderes Mobiltelefon schickt.

Bargeld-Fans kommen auch zurecht, sollten aber darauf achten, immer auch kleine Scheine zu haben, Wechselgeld ist eher Glücksache. Mit Kreditkarte kann man m.E. vor allem Touristendinge (Hotel, Restaurant in Nairobi, Nationalparks) bezahlen.

Tiere

Hunde: sieht man öfter, sind durchweg maximal tiefenentspannt.

Affen: An manchen Stellen habe ich an der Straße soo viele davon gesehen, einmal zogen da mehrere 100 Paviane durch die Gegend. Die größeren unter ihnen sind ganz schön groß und wenn man sich die Zähne ansieht, möchte man sich lieber nicht mit ihnen anlegen. Allgemeiner Hinweis ist, ihnen nie etwas essbares zu zeigen. Ein anderer Radfahrer wollte eine Banane essen und war bevor er begriff, was passierte nicht nur die Banane, sondern auch seine Müslidose los. Ich kam auf einem Platz mit kleinen Äffchen mit einem Müsliriegel aus meinem Zelt und sie guckten sofort im Vorzelt nach, ob da nicht noch mehr ist. Also: Affen sind Diebe, und zwar geschickte. Sie interessieren sich wohl nur für Essen, können sich im Eifer des Gefechts aber schonmal irren und ein Handy mitnehmen.

Nilpferde: gelten als ziemlich gefährlich und können den Campingplätzen im Rift Valley sehr nahe kommen, nachdem der Wasserstand der Seen seit Jahren steigt. Das scheint keinen weiter zu beunruhigen. Tagsüber dösen die Hippos im flachen Wasser und lassen sich nicht stören, wenn sie abends aus dem Wasser kommen, muss man vorsichtig sein.

Büffel: Herden gelten als nicht so schlimm, aber einzelne männliche Tiere sind Incels: von ihrer Herde verstoßen, auf der Suche nach einer neuen und immer aggro. Als mal einer am Straßenrand (außerhalb eines Reservats) war, war die allgemeine Aufregung ziemlich groß.

Elefanten: angesichts der deutlich gekürzent Radtour kam ich nicht in Elefantenland, aber die allgemeine Meinung klingt wie bei Büffeln.

Schlangen: viele habe ich nicht gesehen. Die Python und die vielen Baby-Pythons, die mir in einem Park gezeigt wurden, waren aber recht beeindruckend.

Löwen: fallen allen Leuten als erstes ein, wenn ich von einer Radtour in Kenia erzähle. Dass man mit ihnen Probleme bekommt, ist aber wohl sehr unwahrscheinlich.

Kenia Bike Odyssey – die erste Hälfte

Nairobi – Kilmende

65 km, 1200 Höhenmeter

Ich war nun schon fünf Tage in Nairobi und mache mich endlich auf den Weg zu meiner Radtour. Ein kleines bisschen mulmig ist mir schon nach all den Geschichten über Überfälle, die ich in wenigen Tagen gehört habe. Es scheint aber ein Nairobi-Problem zu sein, wenn man mal aus der Stadt raus ist, sieht es anders aus. Jedenfalls hoffe ich das, schließlich habe ich auf dem Rad keine andere Chance, als alle Wertsachen immer mit mir herumzutragen.

Mein erster Fahrradtag geht gleich mit 1200 Höhenmetern bergauf los. Und, was soll ich sagen, mir ist das zu viel. Ich hätte ja gern vor der Reise etwas trainiert, aber dazu war in den letzten Monaten überhaupt keine Zeit. Und so fängt die Radtour dann auch an. Ich schiebe selbst kleine Steigungen rauf, keuche schon nach wenigen Metern und frage mich, wie ich das schaffen soll.

Landschaftlich geht es viel durch Teeplantagen und etwas durch Wälder. Schön ist das schon und zumindest ein Teil der Strecke führt auf kleinem asphaltierten Straßen entlang.

Ich bin froh, als endlich Zeit für eine Mittagspause ist. Die mache ich in einem in eine schicken Anlage, offenbar Hotel, Konferenzzentrum und Schule in einem. Es gibt einen Schattenplatz und von einer längeren Speisekarte Wraps mit gebratenem Käse.

Kaum, fahre ich weiter, passiert  ein Malheur, von dem ich kurz denke, dass damit der Urlaub vorbei ist: ich bleibe mit einer Fahrradtasche an einem Tor hängen und beide Haken der Tasche brechen glatt durch. So kann ich also nicht weiterfahren. Ich packe um: möglichst viel von meinen Sachen in die Lowrider-Tasche, in der zum Glück noch Platz ist, die große Tasche lässt sich dann festzurren. Ich kann weiter holpern.

Einfacher wird die Strecke allerdings nicht. Irgendwann stelle ich fest, dass es mir wohl nicht gelingen wird, bei Tageslicht bis etwa 18:30 mein Ziel zu erreichen.  Ich sehe noch zu, dass ich zur Hauptstraße komme und lege die letzten paar Kilometer dann mit einem Matatu (Kleinbus) zurück. Mein Fahrrad wird mal wieder relativ unkompliziert auf Dach geladen.

Teeplantagen um Limuru
Schafe auf dem Weg

Kilmende – Naivasha

mit dem Rad nur so 230 km, aber der Transport im Kleinbus funktioniert gut

Der Tag gestern steckt mir noch in den Knochen. Ich stelle ziemlich schnell fest, dass ich die die ersten Anstiege mit dem Rad kaum schaffe. Ein Stück fahre ich trotzdem, an einem Wald entlang immer bergauf, landschaftlich sehr schön, aber eben auch anstrengend. Nach kurzer Zeit beschließe ich deshalb, dass heute nicht mein Tag ist. Wo der Radweg die Hauptstraße kreuzt, stelle ich mich zu einigen Leuten, die auf ein Matatu warten. Relativ bald wird mein Rad wieder auf einen Dachgepäckträger geladen. Eine Weile später wird noch einmal umgeladen. Alle Passagiere steigen in einen anderen Kleinbus, mein Rad landet jetzt auf einem Dach ohne Gepäckträger und wird an den Streben zwischen Fenstern festgezurrt. Das geht offenbar auch. Relativ  bald bin ich in Naivasha, einer ziemlich quirligen Stadt mit großem Markt, die ich mit dem Rad, aber schnell wieder verlasse.

Ich mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft und fahre etwas hinter Naivasha in Richtung See – und stehe vor einer Reihe kleiner Häuschen, die 10-20 cm unter Wasser stehen. Trotzdem wird gearbeitet, als sei das normal. Ein Zimmer möchte man mir trotzdem nicht vermieten und schickt mich stattdessen ein Stück zurück in Richtung Straße. Dort bekomme ich meine Unterkunft.

Tatsächlich steigt seit Jahren der Wasserspiegel der Seen im Rift Vallley kontinuierlich an. Der See hat keinen Abfluss, der Wasserstand wird nur durch Verdunstung und die Zuflüsse bestimmt. Ganze Häuser stehen schon weit entfernt vom Ufer im See, auch Strommasten sind zu sehen, Touristenresorts, Fußballstadien. Woran es genau liegt, dass der Wasserspiegel steigt, ist nicht ganz klar. Vielleicht der Klimawandel, vielleicht einfach eine zufällige Schwankung. Der See reagiert so wie alle Seen im Rift Valley schon auf kleine Änderungen der Niederschläge sehr empfindlich.

Naivasha

Fahrrad: na so 20 km, Umzug zu einer ruhigeren Unterkunft ein bisschen näher an den Hell’s Gate Nationalpark

Meine letzte Unterkunft war eigentlich ganz nett, aber Kommentare auf Google schrieben von wahnsinnig lauter Musik und ein Blick auf die Karte zeigt einen Nachtclub genau nebenan, der ab Freitagabend (also morgen) wieder offen sein sollte. Also nichts wie weg. Bei lauter Musik schlafen kann ich wirklich nicht gut. Also fahre ich ungefähr 15 Kilometer weiter zu einer Anlage mit dem Namen Crayfish Camp. Schöner ist sie ehrlich gesagt nicht, aber die Rezeptionistin ist sehr bemüht, mir ein Zimmer zurecht zu machen und ruhig ist es auch. Ich verzichte darauf, zu zelten, was auch möglich wäre, ein Bett ist einfach bequemer.

Am Nachmittag fahre ich dann noch ein Stück weiter zu einer anderen Anlage. Von dort miete ich ein kleines Motorboot mit Kapitän, um zur Crescent Island zu fahren, eine Art kleines Naturschutzgebiet auf etwas, das einmal eine Halbinsel war. Wegen des steigenden Wasserspiegels ist es nun eine Insel. Wir fahren vielleicht eine Dreiviertelstunde dem See entlang, überall ragen Häuser zur Hälfte aus dem Wasser, manchmal Telefonmasten oder gar Stromleitungen. Und riesige Mengen abgestorbener Bäume. Zusätzlich zur Bootsmiete  kostet auch die Insel eine Menge Eintritt, aber es lohnt sich durchaus. So viele Tiere auf so kleinen Raum habe ich noch nie gesehen, außer vielleicht im Zoo. Zebras, Gnus, Antilopen, Giraffen, Nilpferde, Fischadler, jede Menge Kormorane, ein Pelikan und sind von  nahem zu sehen.

Hell’s Gate Nationalpark und noch mehr Naivasha

40 km, einige Höhenmeter und viel Sand

Meine Freunde aus Nairobi sind fürs Wochenende nach Naivasha gekommen und gemeinsam fahren wir zum Hell’s Gate Nationalpark. Kein Problem, denke ich, der Park ist relativ klein, man darf mit Fahrrädern durchfahren, weil es keine gefährlichen Raubtiere gibt.

Und da sind sie auch schon wieder, jede Menge Zebras, Giraffen, so etwas wie Murmeltiere, große und kleinere Gazellen, Warzenschweine und ein paar Schmetterlinge. Die Tour stellt sich trotz der kleinen Fläche als ziemlich anstrengend heraus: es geht bergauf und bergab, der Weg ist an vielen Stellen sehr sandig. Zuerst einmal fahren wir zu einer Obsidian Höhle, die aber als etwas enttäuschend ist, eine kleine Aushöhlung unter den Felsen. Was es aber im großen Mengen gibt, ist tatsächlich Obsidian in allen Formen, riesige Steinbrocken und kleine, faustkeilartige Stücke. Tatsächlich kann man das Material relativ leicht zerschlagen und erhält sehr scharfe Kanten.

Beeindruckend sind die Schluchten zwischen großen Felsen, die wir später durchqueren.

Geothermiestation

Crayfish Camp Naivasha – Camelboy overlander Camp

47 km klingen nicht furchtbar viel und 700 Höhenmeter müssten ja eigentlich auch zu schaffen sein. Aber es ist ganz schön anstrengend!

Los geht es den See entlang mit sanftem auf und ab, anfangs auch noch mit Asphalt. Der endet leider früh (taucht aber immer wieder unerwartet auf), das Geholper überall sonst macht das Fahren deutlich schwieriger.

Am Wegrand gibt es heute viele Warzenschweine, ein paar Giraffe und…dann hält ein Motorradfahrer neben mir und sagt, ich könne weiter fahren, solle aber vorsichtig sein, weiter vorn an der Straße sei ein einzelner Büffel. Ich fahre erstmal auf der falschen Steaßenseite weiter. Und dann sehe ich auch schon ein Rangerfahrzeug, bevor ich den Büffel sehe. Ich soll mein Rad stehen lassen und zum Auto kommen, sagen sie. Das sei ein gefährliches wildes Tier. Und dann ist der Spuk schon wieder vorbei und der Büffel verjagt. Trotzdem bin ich einigermaßen beeindruckt.

Mittags bekomme ich Tee in einem sehr schicken Golfresort, dann beginnt die Steigung im Ernst. Ich schiebe und schiebe. Zumeist auf extrem schlechter Oberfläche, öfter mal eingehüllt von Staubwolken, wenn LKW vorbeifahren.

Gegen vier endlich schaffe ich es zu einem sehr netten kleinen, privaten Campingplatz: Camelboy Overlander. Es wird noch renoviert, Anschluss an Wasser oder Strom gibt es nicht, aber ein Gast geht gerade, zumal ich ja ein Zelt dabei habe.

Camelboy Camp zum Lake Elementaita

Über Eburru Forrest

58 km, 630 Hm

Der Eburru Forrest ist sehr schön, sattes Grün, zugewachsene Wege, Geräusche von Tieren im Wald, die ich nicht zu Gesicht bekomme. (Hey, von wem sind diese Spuren? Sind die nicht zu groß dafür, dass ich mit dem Rad unterwegs bin?)

Ich komme extrem langsam vorwärts, jetzt, nach der Regenzeit sind die Wege oft ausgewaschen, manchmal auch unter dem Gras kaum zu sehen.

Nach dem Nationalpark verfahre ich mich einige Male und stelle am Ende fest, dass ich das Ziel falsch in meine Karte eingetragen habe. Also noch einmal umkehren. Obwohl ich früh aufgebrochen bin und kaum Pause gemacht habe, ist es fast dunkel, als ich schließlich am Oasis Camp am Lake Elementaita ankomme.

Ich bekomme ein Hauszelt mit Bett und eigenen Bad, und einer Moskitoinvasion, wie ich sie noch nie erlebt habe. Wirklich, nie. Das Zelt selbst ist eigentlich gut geschützt, aber das zum Hauszelt gehörende Bad ist nach außen offen, und nachdem zwei Minuten das Licht gebrannt hat, sind die Oberflächen schwarz von Moskitos. Ich dusche so, dass möglichst immer jedes Körperteil unter einen Wasserstrahl ist. Dann muss ich es durch eine Reißverschlusstür ins Hauptzelt schaffen, ohne verfolgt zu werden. Klappt natürlich nicht. Mehr Glück habe ich mit dem moskitonetz ums Bett herum. Aber das traue ich mich nicht mehr zu verlassen. Draußen sitzen, Lätzchen umgebunden, Besteck in der Hand, all die Moskitos, die es mit mir aus dem Bad geschafft haben.

Lake Elementaita

Lake Elementaita – Maili Saba

Per Matatu

Nachdem ich mich gestern etwas überanstrengt habe, beschließe ich nach wenigen Minuten, dass heute nicht der Tag für eine neue lange Radtour ist. Der erste, der mich mitnimmt, ist eine Motorradrikscha mit Ladefläche. Ich passe knapp in die Kabine komme so  zur Hauptstraße, auf der ein matatu nach dem anderen in Richtung Nakuru fährt. Abgesehen von der starken Sonne und dem Fischgestank im kleinen Bus klappt alles wie am Schnürchen. In Nakuro muss ich noch einmal das Matatu wechseln, dann bin ich gegen Mittag an meinem nächsten Ziel. Ich bekomme ein schickes Zimmer mit super Aussicht und sehr bequemem Bett. Und klar, ich schlafe gleich ein.

Weil es so entspannt ist, bleibe ich gleich zwei Tage da. Ich mache eine sehr kleine geführte Wanderung in den Menengai-Krater. Extrem sehenswert. Außerdem wandere ich auf eigene Faust noch zu einem Aussichtspunkt ein Stück weiter. Alles in allem ein ziemlich entspannter Tag. Und am Abend treffe ich auch den ersten anderen Radfahrer, den ich in Kenia sehe. Ein Deutscher (klar!) aus Thüringen, der mit dem Rad noch etwas weiter gereist ist als ich.

Maili Saba – Mogotio

41,5 km, 110 Hm

Eine einigermaßen kurze und einfache Etappe – meistens geht es bergab und meistens ist der Weg zwar nicht gut, aber fahrbar. Bis auf da, wo eben kein Weg zu erkennen ist oder wo ich plötzlich mitten in einem Maisfeld stehe. Jedenfalls bin ich schon um 13 Uhr in einem neuen, viel zu heißen Hotelzimmer und tue den Rest des Nachmittags gar nichts mehr.

Ja, das ist der Weg.
Im Übrigen habe ich heute den Äquator überfahren.

Na, und außerdem überfahre ich heute den Äquator und bin wieder in der nördlichen Hemisphäre. Ich verzichte darauf, in dem Hotel zu übernachten, in dem man mit dem Kopf auf der einen und den Füßen auf der anderen Seite des Äquator schlafen kann. Scheint mir nicht so wichtig.

Mogotio – Nimbus Resort and Campsite

48 km, 950 Hm

Meine Freund kommen übers Wochenende und fahren zwei Tage mit mir. Ich habe Bedenken: 950 Höhenmeter ( das ist schon die Strecke mit Abkürzung, eigentlich hat die Etappe über 1400 Höhenmeter) bei den üblichen Wegverhältnissen sind ganz schön viel. Und weil meine Freunde erstmal aus Nairobi nach Mogotio kommen müssen, können wir auch nicht früh los. Aber wir haben Glück: ganz unerwartet fahren wir so gut wie den ganzen Tag auf Asphalt, dabei viel auch im Schatten. Einzige Schwierigkeit: der größte Teil der Höhenmeter kommt ganz am Ende der Etappe – wo ich sowieso schon nicht mehr ganz fit bin.

Die Unterkunft für die Nacht stellt sich als eher spartanisch heraus: eine Bar auf den Berg zwischen zwei Dörfern, neben der es Platz für ein paar Zelte gibt. Die Dusche ist kaputt, die Klospülung geht auch nicht, aber wir bekommen einen großen Wassereimer. Darauf, dass wir essen wollen, ist der Wirt nicht eingestellt, aber da wir mit dem thüringer Radfahrer zu viert sind, fährt er los, kauft ein und kocht dann für uns.

In der Nacht ist allerdings nur wenig an Schlaf zu denken: es findet ein Champions League Spiel statt, die Bar ist voll, Alkohol fließt in Strömen und obwohl die falsche Mannschaft gewinnt, wird bis morgens um 7 gefeiert. Immerhin ist der Sonnenaufgang sehr sehenswert.

Nimbus Camp – Kabarnet

34 km, 810 Höhenmeter

Die offizielle KBO Route führt auf weiter Strecke über Holperwege ziemlich parallel zu einer gut ausgebauten und verkehrsarmen Straße entlang. Wir nehmen wieder die Straße und quälen uns erst einmal weiter den Berg hoch.

Die Ausblicke sind heute wieder toll, die Berge im Rift Valley wirklich beeindruckend. Und weil die Straße auch noch gut ist, sind wir am frühen Nachmittag in Kabarnet, einer echten Stadt mit Einkaufsmöglichkeiten, kleinen Restaurants und viel Trubel

Kabarnet – Lake Baringo

60 km, 350 Hm aufwärts und viele abwärts.

Die Freunde aus Nairobi müssen zurück nach Hause, ich bringe sie früh morgens noch zum Matatu und fahre dann selbst los. Allerdings wieder einmal nicht den vorgesehenen Radweg, sondern die Hauptstraße entlang. Ich schwöre, die ist auch sehr schön, und ziemlich wenig befahren. Außerdem geht es heute vor allem bergab: über 1400 m zum Lake Baringo. Lediglich die letzte Stunde zieht sich, die Mittagshitze brennt deutlich heißer als weiter oben.

Ich komme mal wieder in einem kleinen Häuschen in einer Hotelanlage unter. Camping wäre auch möglich, aber ein Bett ist ja schon bequemer.

Außerdem bleibe ich gleich zwei Tage und mache noch eine Bootstour zum Sonnenaufgang mit. Ein bisschen ähnlich wie am Lake Naivasha, aber der Guide kennt sich dieses Mal besser aus. Als wir morgens aufs Boot gehen, werden neben uns Wasserkanister abgefüllt, ein Motorad nach dem anderen mit jeweils vielen Kanistern kommt, der Fahrer füllt, befestigt, fährt wieder weg. Ja, sagt uns der Guide, das Wasser wird für alles im Haushalt benutzt, auch zum Trinken. Und, ja, es enthielt immer viel zu viel Fluorid, daher die braunen Zähne der Leute und die vielen gebückt gehenden älteren Leute. Jetzt, wo das Wasser durch den auch hier steigenden Wasserspiegel verdünnt ist, ist es besser. Es lässt sich jetzt auch zum Bewässern nutzen.

Die Fläche des Lake Baringo ist noch deutlich stärker gewachsen als am Lake Naivasha und so hat der See zahlreiche Wohnhäuser, Betriebe und Hotels geschluckt. Nilpferde finden sich nun manchmal in Dörfern wieder, wenn sie abends zum Grasen aus dem Wasser kommen. Ein Hotel, in dem ich später Tee trinken, hat Stege zwischen dem zweiten Stock seiner Gebäude gebaut und ist weiter geöffnet, während das erste Stockwerkvollständig unter Wasser steht.

Hotel mit einem Stockwerk unter Wasser – ja, es ist noch geöffnet.
Krokodil unterwegs zum Dorf (frisst angeblich nur Fische)

Lake Baringo – Bogoria Spa

37 km, 150 Höhenmeter

Abgesehen von der Hitze schon früh am Morgen ist die Radtour kurz und einfach: durchweg asphaltiert und kaum Steigungen. Entsprechend früh bin ich am heutigen Ziel: einer riesigen schicken Hotelanlage mit zwei Pools – einer gespeist von einer warmen Quelle, der andere angeblich kalt (aber ich befinde mich jetzt in einer Höhe über Meeresspiegel, in der nichts kalt ist). Das Hotel hat Preise, die mich überzeugen, zu campen, auch das geht auf der großen Wiese. Und dann verbringe ich große Teile des Tages mit einem Buch am Pool. Immer wenn ich hochschauen, gibt es etwas zu sehen: Affen, die sich gegenseitig übers Gelände jagen, Marabus, die aus dem Pool trinken, Ziegen, die vorbeischauen. Auch die Massage, zu der ich Abends noch gehe, ist überzeugend.

Als ich am nächsten Morgen meine Nase aus dem Zelt stecke, sind da tatsächlich fünf oder sechs Strauße, die sich von mir absolut nicht stören lassen.

Auch hier scheint übrigens der steigende Wasserspiegel zugeschlagen zu haben. Die Flamingos sind nicht mehr da – und die waren für mein Hotel ein wesentlicher Selling point.

Lake Bogoria – Maji Moto camp

12,5 km, 200 Hm (yes!!)

Ich kann mich nicht recht entscheiden, ob ich die paar Kilometer zum nächsten Campingplatz fahren soll, das Spa-Hotel ist ja auch sehr schön. Schließlich mache ich mich relativ spät auf den Weg. Was soll ich sagen, die kurze Strecke hat es in sich, soo große Steine müssen auf Wegen wirklich nicht herumliegen. Und das hier soll sogar eine einigermaßen relevante Straße sein. Damit habe ich vielleicht gar nicht den schlimmsten Weg erwischt, der am See entlang soll noch schlechter sein. Dafür bekomme ich den Lake Bogoria dann auch gar nicht zu sehen.

Highlight des neuen Campingplatzes ist ein warmer Fluss, der aus einer heißen Quellen gespeist wird und in dem man baden kann. Geothermie überall in dieser Gegend..

Warmer Fluß aus heißer Quelle

Mogotio – Nakuru

46 km, 490 Hm

Für mich ist dies die letzte Etappe, ich möchte noch einen Tag in Nakuru bleiben und dann nach Nairobi zurück. Und sagen wir so, ich bringe es schnell hinter mich und fahre Hauptstraße. Schön ist das nicht, aber der Verkehr ist erträglich. Und klar, überall Asphalt. Ein paar mal versuche ich, komoot zu folgen, das Abweichungen von der Hauptstraße vorschlägt. Jedes mal lande ich schnell vor einem Tor, weil der entsprechende Weg über Privatbesitz führt. Das soll auch ein wesentliches Problem sein, wenn man sich in Kenia selbst seine Wege sucht.

Nakuru ist eine Großstadt, Wikipedia spricht von 570.000 Einwohnern und wirkt nicht sehr groß, aber einigermaßen trubelig. Es gibt einen kleinen Markt für Souvenirs (ich verschiebe das auf Nairobi) und mehrere Shopping-Malls. Außerdem ein Schloss/Herrenhaus aus der Kolonialzeit (ich verzichte ebenfalls). Da ich etwas von interessanten Museen gelesen hatte, schaue ich nach, es geht tatsächlich um spannende Ausgrabungsstätten, die aber dann für Radfahrer doch zu weit sind. Hätte ich mal früher drauf geachtet, ich bin mit dem Fahrrad zu Anfang praktisch vorbeigefahren.

Also, was bleibt? – um den Lake Nakuru herum gibt es einen relativ großen Nationalpark. Der Reiseführer empfiehlt eine Halbtages- oder Tagessafari. Also versuche ich mein Glück. Es ist gar nicht so einfach, einen Anbieter zu finden, der Touren nicht in Nairobi startet, sondern direkt in Nakuru und der im Zweifel auch einzelne Plätze, nicht nur komplette Landrover anbietet. Als mir das gelingt (Accomplir Tours and Travel), ist der Jeep für den nächsten Tag schon voll. Aber, sagen sie, ich könne eine Privattour mit PKW haben. Ist auch etwas billiger. Wir einigen uns und der Fahrer holt ich am nächsten Morgen im Hotel ab. Es ist tatsächlich ein bisschen lustig: zum ersten Mal seit ich in Kenia bin, sehe ich Touristen in größeren Mengen. Alle in Landrovern mit anhebbarem Dach und vielen Kameras. Ich in einem kleinen PKW, mit dem der Fahrer zwar sehr vorsichtig ´über die steinigen und schlammigen Pisten fährt, der aber tatsächlich alles schafft.

Löwen bekommeich leider keine zu sehen, aber dafür riesige Büffelherden, viele Nashörner, Giraffen, Zebras, Affen, Pelikane, Gnus, Gazellen, und viel mehr. Wieder einmal überrascht mich, wie viele dieser großen Tiere in dem dann doch nicht riesigen Park leben.

Nairobi

Dann geht es zurück nach Nairobi. Ich bekomme ein Matatu von einer Firma, die tatsächlich zwischen beiden Städten durchfährt, ohne Passagiere aufzunehmen („Prestige“) oder aussteigen zu lassen. Ich frage mich zuerst, wie sie das Rad ohne Dachgepäckträger transportieren wollen, aber tatsächlich wird noch einer gebracht und montiert. Alles geht schnell und unproblematisch…bis wir in Nairobi sind. Dort stehen wir im Stau um die Matatu-Terminals der einzelnen Firmen herum und nichts geht vor oder zurück. Lange.

Dann endlich können wir aussteigen, ich bekomme Rad und Gepäck und bestelle sofort ein Uber. Leider hat das das gleiche Problem wie all die Busse, es ist kein Durchkommen in den engen Straßen. Alle 10 Minuten versucht Uber, mir einen neuen Fahrer zu finden, weil…sie stehen ja ganz in der Nähe und kommen trotzdem nicht. Ist natürlich nicht hilfreich. Eine Frau sagt mir schließlich, in welcher Richtung ich eine Chance auf ein Auto haben könnte und ich schiebe mein Rad dorthin. Als ich in das Auto einsteige, hat Uber die Fahrt schon wieder aufgegeben, aber der Fahrer und ich haben uns noch rechtzeitig gefunden. Uff!

Die letzten beiden Tage verbringe ich in Nairobi. Nachdem die Streiks und Unruhen vorbei sind, schaffe ich es nun auch in die Stadt, spaziere mit hunderten Schulkindern durch das eine große Museum (OK, aber nicht überwältigend) und schaffe es nicht zum Maasai-Markt (fun-fact: der ist jeden Tag woanders).

Dann ist es Zeit für den Rückflug. Der Flughafen in Nairobi ist ineffektiv und hoffnungslos überfüllt. Zum ersten Mal seit ich Radreisen mache, wird die (auch ohne Rad schwere) Kiste mit meinem Rad gewogen und ich muss nachzahlen. Am nächsten Tag hat Berlin mich wieder.

Ukraine

Es ist schon immer wieder ein bisschen aufwändig, in die Ukraine zu fahren. Und ehrlich gesagt, ein bisschen mulmig ist mir auch immer wieder, obwohl ich auch während des Krieges schon einige Male da war. Die Situation ändert sich schnell, die Russen produzieren viel mehr Drohnen und Raketen als noch vor einem Jahr, die die Luftabwehr auch noch besser austricksen können. Der Plan dieses Mal: mein kleines Klapprad mitnehmen im Zug durch Polen, in Przemysl übernachten, mit dem Bus nach Kolomyia – eine kleine Stadt am Karpatenrand – und zumindest ein paar Tage mit dem Rad durch die Westukraine fahren, bevor es mit Zug oder Bus weiter ins fast heimische Kyiv geht, dort besser Ukrainisch lernen und eine Menge Freunde und Bekannte wiedersehe.

Im Zug finde ich erstmal meinen Platz nicht – auf dem Ausdruck steht die Nummer 850 statt 85 – dann kaum einen sinnvollen Platz für das Rad. Ich quetsche es auf die Gepäckablage, es steht deutlich über, hält aber bis Przemysl. Am nächsten frühen Morgen sammelt mich dort auch beinahe pünktlich morgens um 7 der aus Prag kommende Bus ein. Dann allerdings warten und warten wir an der Grenze (nichts gegen die Rückfahrt – aber dazu später).   Den Anschluss in Lviv gebe ich schon fast verloren und denke über Alternativen nach. Aber weit gefehlt, am Umsteigepunkt wird auf alle gewartet. Und da gibt es einen Bus mit noch mehr Verspätung.  Also warten wir weiter. Immerhin auf einem Busbahnhof mit überraschend gutem Kaffee. Einige Leute werden nervös: Mit der mehrstündigen Verspätung wird der Bus an bestimmten Zielen mitten in der Nacht während der Ausgangssperren ankommen. Dann wird es schwierig, nach Hause oder eben zum letzten Ziel zu kommen. Ich schaue leicht nervös, wie lange mein Hotel abends geöffnet ist. Müsste klappen.

So ist es dann auch. Als ich endlich vor dem Hotel stehe, erschrecke ich, weil alles dunkel ist, aber der Schein trügt glücklicherweise. Ich bekomme ein hübsches Zimmer und schaffe es, den Luftalarm der Nacht zu verschlafen ( Kolomyia ist ein Kleinstadt ganz im Westen, die berühmt ist für bemalte Ostereier. Dass einem hier etwas passiert ist schon eher unwahrscheinlich).

Der Busbahnhof wir ausgebaut – es gibt kriegsbedingt erhöhten Bedarf, seit keine Flugzeuge mehr fliegen

Kolomyia – Sniatyn

47 km

Osterei-Museum
Stelltafeln für gefallene Soldaten

Ich trinke ausführlich Kaffee und spazieren durch die Stadt: Brunnen, Rathaus, Ostereier- Museum und dann lange Reihen von Stellwänden mit gefallenen Soldaten. Um Punkt neun eine Durchsage aus dem Lautsprecher in der Fußgängerzone. Ich verstehe nicht sofort, aber ein Blick die Straße entlang genügt: es ist die Schweigeminute für die Gefallenen. Alle, wirklich alle bleiben für eine Minute wie eingefroren stehen. Über den Lautsprecher tickt eine Uhr. 60 Schläge, dann geht das Leben weiter, genau da, wo es eingefroren war.

Die Strecke nach Sniatyn fahre ich ohne Pause. So bekomme ich keinen Regen ab, nur starken Wind, der ungefähr aus der richtigen Richtung kommt. Der erste Teil der Strecke ist hübsch, auf kleinen Nebenstraßen, die meist gut zu fahren sind. Im zweiten Teil nehme ich die Hauptstrasse und die nervt schon ziemlich: viel Lärm, ein Auto nach dem anderen, dicht überholende LKW.

Ich kenne nichts, wofür Sniatyn bekannt sein könnte, aber man kann sich ja überraschen lassen.

Google gibt mir einen Treffer für ein Museum und ich gehe hin. Es handelt sich um einen einzigen Raum, in der Mitte sind Bücher ausgestellt, drum herum auf Tücher gemalte Bilder. Ich werfe auf alles einen Blick und will schon wieder gehen, aber die Betreuerin der Ausstellung ruft mich zurück. Sie will aufschreiben, wer da war und fragt nach meinem Namen. Aus Deutschland sei ich? Sehr interessant, da muss sie mich interviewen, sagt sie und bittet mich, mich zu setzen. Wo ich geboren bin, was ich seither so mache, wie oft ich schon in der Ukraine war, was meine Eindrücke sind, fragt sie, und notiert alles in einem Heft, in dem sie Geschichten ihrer Besucher sammelt – ich bin nicht mehr ganz sicher, ob ich Besucherin oder Ausstellungsstück bin.

Ausstellung in Sniatyn

Sniatyn – Chernivtsi

38 km

Meine Apps sind ziemlich zurückhaltend damit, mir andere Strecken als die vielbefahrenen Hauptstraße zu empfehlen, und das, obwohl es auf einem Teil der Strecke eine ziemlich offensichtliche Alternative gibt. Entsprechend habe ich Bedenken, als ich auf die Nebenstraße fahre. Das Problem: Schlammsaison. Zwar regnet es gerade nicht, aber überall sind große Pfützen und auf unbefestigten Straßen kann das schnell unangenehm werden.

Und klar, es geht langsam, auf der Lehmstraße sind Millionen Schlaglöcher zu unkurven, aber am Ende ist es halb so wild. Und stellenweise gibt es sogar richtig guten Asphalt. 

Noch vor 12 bin ich in Chernivtsi. Genug Zeit, durch die Stadt zu spazieren, Kakao im Café -Museum mit jeder Menge Österreich-Ungarn-Memorabilien zu trinken, Konzertkarten zu kaufen und eine Stadtführung für morgen herauszusuchen.

Fußgängerzone Chernivtsi

Chernivtsi

Die Fans der Stadt haben Recht: sie ist wirklich schön und lohnt definitiv einen Besuch.

Ich habe nur den heutigen Tag hier und leider hetze ich etwas durch die Sehenswürdigkeiten: die Universität aus dem 19. Jahrhundert, eine Stadtführung, ein Termin zur Massage und dann abends noch ein Highlight: ein Konzert von Jerry Heil, zu dem ich gestern noch eine der letzten Karten ergattert habe.

Was auffällt: die Ukraine ist mittlerweile Frauenland. Nicht, das alle Männer im Krieg wären – unter meinen Bekannten sind es nur wenige – aber eben doch einige. Wer noch nicht bei den Streitkräften ist, will da in der Regel auch nicht hin. Und am sichersten ist dazu, nicht von den Einberufungsbehörden kontrolliert zu werden und entsprechend nicht durchs Land zu reisen.

Czernivtsi ist heute jedenfalls voll von Reisegruppen, und der Frauenüberschuss ist absolut frappierend.

Umiversität Chernivtsi
Jerry Heil macht auf die vielen von den  Russen entführten Kinder aufmerksan

Chernivtsi – Ataky

ca 63 km, ca 750 Hm

Den größten Teil der Strecke habe ich Glück: die Straße ist relativ klein, der Verkehr überschaubar. Die Straßenqualität hält sich zwar in Grenzen, aber immerhin ist die Straße asphaltiert.

Ich komme an einem Abzweig zu einem kleinen Ort vorbei, wo anscheinend ein gefallener Soldat nach Hause gebracht wird. Zuerst sehe ich zahlreiche Leute, die mit Blumen am Straßenrand warten. Eine leise Sirene ist zu hören, Autos, die offenbar zufällig vorbeifahren, halten an, Leute steigen aus. Schließlich kommt ein ganzer Konvoi an Fahrzeugen, teilweise Militärs. Die Leute, egal ob zufällig da oder wartend knien am Straßenrand, der Konvoi fährt langsam vorbei. Das Leben geht weiter.

Nachmittags gibt es eine mittelalterliche Festung zu besichtigen, in Khotyn, am Dnistr. Die Anlage ist groß, beeindruckend und es sind gerade nur wenige Touristen da. Gegen einen kleinen Eintritt spaziere ich durch die Festung. Türme, Schutzmauern, Ausstellungen und – ein Wegweiser zu einem Schutzraum. Ich gehe nicht hinunter, aber die Treppe macht den Eindruck, als solle man sich in einem ehemaligen Verlies vor russischen Raketen in Sicherheit bringen.

Festung in Khotyn

Ataky – Kamyanets-Podilskiy

27 km

Es sind nur noch wenige Kilometer nach Kamyanets-Podilskiy, entsprechend lasse ich mir morgens Zeit. Die Radstrecke ist dann zwar einfach, aber nicht ganz ungefährlich: der neue, glatte Asphalt verleitet Autofahrer erheblich zum Rasen, und ein paar Mal werde ich ziemlich knapp von LKW überholt.

Kamyanets-Podilskiy kenne ich schon von einem kurzen Besuch im letzten Jahr. Eine mittelalterliche Festungsstadt mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten, allen voran eine alte Festung, aber auch Kirchen, das Rathaus, Museen und viele Cafés gibt es. Alles jedenfalls sehr sehenswert.

Im Dominikanerkloster bekomme ich eine Privatführung angeboten, für 10 Hryvnya, also auch für ukrainische Verhältnisse praktisch nichts. Wenn ich die gerade nicht habe, sagt mir der Führer, ist es auch egal. Und zeigt mir sehr ausführlich die Kirche. Die ältesten Fresken, die Restaurierungen, die verschiedene Epochen sichtbar bleiben lassen, Reste der kurzen türkischen Herrschaft im 17. Jahrhundert.

Die alte Festung kenne ich schon, allerdings war mein letzter Besuch sehr kurz. Heute kann man bogenschießen (ja, auf das Portrait eines gewissen Diktators). Ich probiere es, treffe aber leider nicht gut.

Bushaltestelle
Fresken im Dominikanerkloster
Festung in Kamyanets-Podilsky

Kyiv

Nach Kyiv geht es mit einem Kleinbus, mein Klapprad im Schlepptau. Begeistert ist der Fahrer nicht, als er es in den ziemlich engen Gepäckraum quetscht. Meine (kleinen) Fahrradtaschen muss ich zur Strafe mit an den Platz nehmen. Dann fahren wir ohne Zwischenfälle nach Kyiv. Unterwegs allerdings sehe zerstörte Gebäude, wie ich sie bislang noch nicht gesehen habe. Es handelt sich um große Hallen in Straßennähe, von denen nicht mehr viel übrig ist, außer Schutt und verbogenen Stahlträgern.

In Kyiv folgt noch eine kurze Taxifahrt, dann bin ich in meinem Airbnb. Es ist eine Wohnung ganz nah am Maidan Nezalezhnosti, in der ich auch im letzten Jahr schon war. Sie hat eine Besonderheit, die zu anderen Zeiten eher doof wäre: Ein Wohnzimmer ohne Fenster und hinter zwei Wänden mit einigermaßen bequemem Sofa. Zwei Wände zwischen draußen und dem eigenen Aufenthaltsort, das ist die Empfehlung für Luftangriffe, wenn man nicht in einem echten Schutzraum ist. Viele Leute gehen, wenn es draußen laut wird, in den Korridor oder ins Bad, um vor Splittern geschützt zu sein, ich freue mich, eine Wohnung mit passendem Sofa gefunden zu haben. Ebenso erfreut stelle ich außerdem fest, dass bereits ein größerer Vorrat Wasser im Apartment ist, für die Fall, dass die Versorgung ausfällt. Nachteil der Wohnung: es gibt keinen zweiten Ausgang im Fall eines Brands im Treppenhaus – unter normalen Bedingungen würde ich darauf natürlich nie achten.

In den folgenden Tagen treffe ich Freunde und Bekannte, wir gehen spazieren und sitzen in Cafés und Restaurants. Viele davon arbeiten mit gewohnt hohem Anspruch: Ich lerne hervorragende Konditoreien mit Törtchen und Latte-Art kennen.

Das sind die Tage. Die Nächte sind zumindest teilweise nicht so schön und ruhig. Ich war schon einige Male, auch während des Krieges, in Kyiv, hatte aber bislang jedes einzelne Mal Glück: zwar gab es häufige Luftalarme, aber sie waren meist kurz und es waren in der Stadt nie laute Explosionen zu hören. Nach ein paar ereignislosen Nächten ist es dieses Mal anders. Ich wache nachts vom Alarm auf und kaum habe ich schlaftrunken mein Handy in die Hand genommen, um zu sehen, was los ist, höre ich schon dumpfe Knalle – bei mir nicht sehr laut, aber doch deutlich. Ballistische Raketen, sagen die einschlägigen Telegram-Kanäle. Sehr schwer abzuschießen, hohe Zerstörungskraft, sehr schnell. Zwar packe ich mir jeden Abend einen Rucksack und lege ein paar Klamotten so hin, dass ich mich in wenigen Sekunden anziehen kann, aber bei ballistischen Raketen hilft das nicht – man kann nur noch in einen sichereren Raum oder Korridor gehen, nicht nach draußen zur U-Bahn. Es kommt eine weitere Rakete, dann Entwarnung – aber nur für zwanzig Minuten, bevor das Spiel von vorn beginnt. Tja, und zugegebenermaßen, den dritten und längsten Alarm der Nacht verschlafe ich dann einfach, obwohl er nochmals über sechs Stunden dauert und auch noch nicht vorbei ist, als ich schon meinen Frühstückskaffee getrunken habe. Auf Telegram sind unendlich viele Nachrichten, es war ein großer Angriff auf Kyiv und auf Vororte, vor allem auf Energieanlagen. Stromerzeugung, Gasanlagen. Das Zentrum, wo ich bin, ist weniger betroffen, aber in Richtung Bucha/Irpen/Hostomel war die Nacht offenbar ziemlich furchtbar.

Um 9 morgens habe ich eigentlich Unterricht – ich mache in Kyiv auch Bildungsurlaub. Ich warte dennoch noch das Ende des Luftalarms in meiner Wohnung ab und stürme dann los. Nach ein paar Schritte fällt mir auf, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt es mir ein, klar, morgens um 9 ist Gedenkminute. Im Gegensatz zur Kleinstadt Kolomyia wird die hier nicht über Lautsprecher angekündigt. Ich bleibe stehen, wo ich bin. Einem jungen Paar ein paar Meter weiter geht es genauso. Sie stellen mitten auf der Straße fest, wie spät es ist und bleiben genau dort stehen.

Tatsächlich hat mein Unterricht dann noch mehr Verspätung als ich: die Lehrerin wohnt eben nicht mitten im Zentrum. In ihrer Umgebung gab es in der Nacht Schäden und sie musste zunächst einer Freundin helfen.

Dem Angriff folgt in der nächsten Nacht noch ein weiterer, und damit fangen sie an, die Stromausfälle, zunächst ohne Ankündigung, aber schon schnell mit einem Zeitplan, der fortlaufend veröffentlicht wird. Mit meiner Wohnung habe ich Glück, vielleicht weil ich dort wohne, wo die Ausländerdichte am größten ist, vielleicht aus technischen Gründen. Jedenfalls ist jeweils nach wenigen Stunden der Strom wieder da – und klar, ich habe Powerbanks, Kerzen, Taschenlampe, Campingkocher dabei. Woanders sieht es schlechter aus, Leute haben teilweise den ganzen Tag keinen Strom. Der Zeitpunkt, an dem in Kyiv die Fernwärme angeschaltet wird, wird noch einmal nach hinten gelegt. Schon jetzt ziehe ich für den Unterricht einen Pullover mehr an, als üblich. Überall vor den Geschäften in der Stadt rattern bei Stromausfall Generatoren, kleine vor Restaurants und Läden, große vor Einkaufszentren. Auch Privatpersonen haben in der Regel Powerstations, also Akkus und Wechselrichter, um die wichtigsten Geräte auch bei Stromausfall bedienen zu können.

Selbst eine Kinopremiere sehe ich, während eines Stromausfalls – vor dem Gebäude steht ein großer Generator, drinnen ist alles wie sonst auch.

Auch sonst: Kyiv lebt. Cafés, Restaurants, Kinos, Theater, alles funktioniert wie immer. Ein paar Läden, die ich noch kannte, haben geschlossen, an ihrer Stelle gibt es jetzt: Cafe-Buchhandlungen. Wirklich, überall, an jeder Ecke. Und sie sind voller Leute. Bekannte bestätigen mir, ja, lesen ist modern geworden in letzter Zeit. Bücher werden gekauft, gelesen, und man spricht darüber, gerade junge Leute. Mein eigener Eindruck ist, dass sich der Markt für ukrainischsprachige Bücher unglaublich schnell entwickelt. Bis vor wenigen Jahren wirkte alles etwas hausbacken, Verlage waren klein, Bücher oft nicht lieferbar. Jetzt… scheint der Markt explodiert zu sein. Klar, ich decke mich auch ein.

Das Schutzgerüst um ein Standbild ist mittlerweile mit Efeu überwachsen

Auch dieses Mal gehen die Tage in Kyiv zu schnell zu Ende. Für die Heimreise habe ich keine Bahnfahrkarten bekommen, habe mich wohl zu spät darum gekümmert. Also wird es ein Flixbus, eine durchgängige Verbindung von Kyiv nach Berlin. Ich bin schon ein bisschen vorgewarnt: in der Ferienzeit dauerte der Grenzübertritt auch bisher manchmal sehr lange und die EU hat eine neue Regelung zur Speicherung von biometrischen Bildern und Fingerabdrücken, die das offensichtlich nicht besser macht. Dennoch, es wird deutlich schlimmer als erwartet: der Bus steht von etwa 1 Uhr nachts bis 21 Uhr am folgenden Abend an der Grenze in Medyka/Przemysl, die auch wirklich unterbesetzt und miserabel organisiert scheint. Die meiste Zeit warten wir zusammen mit vielen anderen Bussen an einer Tankstelle, an der es zumindest Kaffee gibt (guten Kaffee, wir sind ja noch in der Ukraine!), aber die mit dem Ansturm natürlich hoffnungslos überfordert ist.

Und dann ist da noch jemand im Bus, der bemitleidenswert und verdächtig viel hustet. Und was soll ich sagen, zwei Tage, nachdem wir endlich in Berlin ankommen, liege ich mit Covid im Bett. Aber natürlich, jede Reise in die Ukraine ist schön, auch wenn sie aufwändig ist.

Leipzig – Würzburg mit Fahrrad

Auenhain

Ich bin mir nicht sicher wie gut mein Zelt noch funktioniert, nach dem ein Hund Teile des Vorzelts weggekaut hatte, es eher provisorisch repariert wurde, es sehr schmutzig war, ich es eher erfolglos im Wollwaschgang gewaschen hatte…also, ein Test ist nötig. Das gleiche gilt für ein Faltrad von Decathlon, das ich vor einiger Zeit mit dem Gedanken an eine kombinierte Fahrrad- Öffi Reise gekauft und doch nicht benutzt hatte.

Dazu kommt, dass ich gerade nach Süddeutschland möchte, meine Mutter besuchen. Damit ist der Plan fast klar: die ganze Strecke schaffe ich in der vorhandenen Zeit nicht, aber ein Teil geht schon. Ich packe meinen Krempel in die Fahrradtaschen (2*20l und damit mehr als für das Faltrad empfohlen) und wuchte alles in den Zug nach Leipzig (dorthin bin ich schonmal geradelt). Klappt erstmal gut. Ein bisschen unzufrieden bin ich nur mit der Hülle, die Decathlon zum Rad verkauft hat – zu schwer, nicht besonders praktisch.

Die großen Fahrradtaschen passen an den Gepäckträger des Faltrads, für mich jedenfalls. Der Catch; ich habe Schuhgröße 37 und die Taschen hängen ganz hinten am Gepäckträger. Wer größere Füße hat, stößt an den Taschen an.

In Leipzig wühle ich mich erstmal durch Verkehr und Fußgängerzone, dann durch ein Fest am Völkerschlachtdenkmal, bevor ich außerhalb der Stadt (Markkleeberg) auf einem Campingplatz lande. Nett, klein, nur wenige Gäste da., außer mir alle mit Campern.

Mein Zelt ist trotz mehrfachem Abwischen und Waschmaschine noch immer sandig, wirkt aber sonst erstmal OK.

Auenhain – kurz vor Jena

90 km, 520 Hm

Von Anfang an fahre ich fast nur Radwanderwege entlang, natürlich mit kurzen Unterbrechungen. Es beginnt mit einem Weg an ehemaligen Tagebauen, geht weiter mit dem Elster- Radweg, dem Saale- Radweg und schließlich einem „Erneuerbare-Energien-Radweg‘, alles von Komoot zusammengebastelt, alles mit glatt Asphalt. Ja, auch mit bepacktem Faltrad fahrbar.

Wie das in Deutschland so ist, jagt auch eine Burg oder ein Schloss das nächste. Eine erste Pause gibt es an der Burgruine Groitzsch, essen möchte ich eigentlich in Zeitz. Aber das Schloßrestaurant ist ausgebucht, das Eiscafé, das Google verspricht, gibt es nicht und so wird es nur eine schlechte Pizza in einer kleinen Kneipe (die Speisekarte enthält so interessante Dinge wie Gyros-Pizza).

Am späten Nachmittag schlage ich mein Zelt auf einem Campingplatz kurz vor Jena auf. Wieder gibt es außer mir eigentlich nur Wohnwagen. Außerdem werden die Camper auch immer älter. Immerhin zwei Leute sehe ich, die mit Auto zum Waschhaus fahren und dort erstmal den Rollator ausladen.

Jena – Naturcamping Meyergrund

90 km, 910 Hm

Durch Jena fahre ich gleich morgens durch, danach hügelt sich die Strecke durch den Thüringer Wald und längere Zeit die Ilm entlang bis hinter Ilmenau. Alles sehr hübsch und glücklicherweise ohne allzu starke Steigungen. Das Faltrad hat 7 Gänge, aber die Spreizung ist nicht toll, wenn die Steigungen zu steil werden. Da das Gepäck ganz hinten befestigt ist, droht das Rad manchmal auch vorn abzuheben.

Schon seit gestern bin ich auf verzweifelter Suche nach einem Eisbecher. Radtouren in Deutschland funktionieren nur in Verbindung mit Eisbechern. Aber das Eiscafé, das Google in Zeitz zeigt, gibt es nicht. In Jena gibt es ein Café, aber als ich dort vorbeikommen, ist es erst 9 Uhr morgens und das Café geschlossen – die Nachfrage nach Eis zum Frühstück scheint zu klein zu sein. Die nächsten Orte: Montag Ruhetag, Montag und Dienstag Ruhetag. Nachmittags endlich komme ich nach Ilmenau und endlich, endlich zu meinem Eisbecher mit viel Sahne.

Ein paar Kilometer weiter bin ich dann auch am Ziel für heute, dem „Naturcampingplatz Meyerhof“ im Thüringer Wald. An der Rezeption ist niemand mehr, aber ein Aushang sagt, man möge sich einen Platz aussuchen und sich morgens anmelden.

Auch dieser Platz ist voller Dauercamper und Wohnmobile,es sind aber nur wenige Menschen da. Der Platz liegt im Wald in einpaarhundert Meter Höhe und an einem Bach und scheint ein Kälteloch zu sein – schon am Abend, als es dunkel wird, ist es ziemlich kalt.

Ilmenau – Neustadt an der Saale

80 km, 600 Hm

Wie sich am Abend schon angekündigt hat, die Nacht ist kalt. Irgendwann ziehe ich das Schlafsackinlett, mit dem ich die Isomatte bezogen habe, ab, schlüpfe hinein und schließe zum ersten mal seit langem den Schlafsack. Morgens wische ich dann nicht Kondenswasser vom Zelt, sondern krümle Eis herunter.

Dann führt der Weg erstmal nach oben – irgendwann müssen im Thüringer Wald ja auch die Anstiege kommen. Die Strecke ist hier auch nicht asphaltiert, aber Komoot hat mir immerhin einen gut befahrbaren Wirtschaftsweg ausgesucht. Die negative Überraschung ist dann der Weg vom Berg hinunter: Ich schiebe zuerst rutschige Schotterwege, dann einen steilen Pfad hinunter. Unterwegs begegnet mir ein Schweizer Paar, das seine E-bikes ebenso stöhnend bergauf schiebt. Kurz gesagt: kein typischer Radweg.

Danach komme ich gut vorwärts, die Radwege sind wieder gut und tendenziell geht es leicht bergab. Wie schon gestern kaufe ich mir zum Mittagessen ein paar Snacks in einem Supermarkt. Heute finde ich zum richtigen Zeitpunkt leider nur Norma und so gibt es eben Pizzabrötchen statt Butterbrezeln (schade!)

Am Abend gibt es heute leider keinen Campingplatz für mich. Weit und breit nur Stellplätze für Wohnmobile. Ich habe keine Lust, wild zu campen und ehrlich gesagt, es scheint auch schwierig, einen Platz zu finden. Zu viele Dörfer, zu viele Felder, zu wenig Möglichkeit, sich unauffällig hinzustellen. In Neustadt finde ich auch kein Zimmer. Etwas außerhalb immerhin klappt es, ich bekomme noch ein schönes Zimmer mit gutem Frühstück und gesprächiger ukrainischer Bewirtschaftung, wenn ich auch das zu teure Familienzimmer nehmen muss.

Neustadt an der Saale – Würzburg

83 km, 490 Hm

Heute gibt es keine Trampelpfade und keine starken Steigungen, die angeblich fast 500 Höhenmeter fahren sich gut. Durch die feste Unterkunft komme ich auch etwas früher los als sonst – obwohl ich mir beim Frühstück durchaus Zeit lasse.

Damit bin ich am Nachmittag in Würzburg, bekomme den notwendigen Eisbecher und sitze gegen halb 4 nachmittags im Zug zu meinem endgültigen Ziel, Pforzheim. Das ist viel früher, als ursprünglich geplant und sehr angenehm, so kann ich auch die letzten Meter am Ziel noch mit dem Rad zurücklegen und mich – klar – hungrig an den gedeckten Tisch setzen.

Radfahren in Bolivien – das Wichtigste

Straßenqualität

Viele der Hauptstraßen sind gut asphaltiert und haben nur wenig Verkehr. Ab und zu fährt ein LKW oder Bus vorbei, der dicke schwarze Wolken hinter sich her zieht, gelegentlich ein SUV oder ein Motorrad. Außerhalb der großen Städte spricht aber nichts dagegen, sich die auf der Karte dicken Hauptstraßen auszusuchen – sie sind gar nicht so stark befahren, wie es aussieht.

Wer Nebenstraßen wählt, muss damit rechnen, dass es rumpelig wird.

Ansonsten: wer auf eine Karte guckt, sieht es schon: es stehen die Anden im Weg, man muss sich schon auf viele Höhenmeter gefasst machen.

Fahrräder in Bolivien

Fahrräder sind in Bolivien eher keine ernatzunehmenden Verkehrsmittel. Einzige Ausnahme, die ich gesehen habe, waren eine Reihe junger Leute im flachen Santa Cruz. Woanders ist es einfach oft sehr bergig.

Deshalb ist es vermutlich nicht ratsam, sich auf Leihräder und Ersatzteilversorgung zu verlassen. Allerdings, ich musste das nicht, mein Rad hatte keine Probleme

Fahrrad in öffentlichen Verkehrsmitteln

Mitnehmen kann man Fahrräder überall völlig unproblematisch. Bei großen Bussen scheint viele schon die Frage merkwürdig zu finden (klar geht das!), aber auch Minibusse und ein Sammeltaxi  haben mich mit Rad mitgenommen.

Übernachtung

Offizielle Campingplätze gibt es kaum, aber man kann ein Zelt annähernd überall aufschlagen. Pensionen gibt es auch in vielen Städten, außerhalb der Touristenzentren aber meist nur sehr einfache.

Geld

Erstmal: Bolivien ist für Europäer sehr günstig.

Wichtig zu wissen: es gibt zwei Wechselkurse: einen offiziellen Bankenkurs, der z.B. angesetzt wird, wenn man Geld aus dem Automaten zieht oder wenn man mit Karte bezahlt. Und einen anderen in Wechselstuben ( ja, legalen, offiziellen).  Das Verhältnis dürfte schwanken, aber im April 2025 gab es in Wechselstuben doppelt so viele Bolivianos pro Euro/Dollar wie an Geldautomaten. Es empfiehlt sich also ein Bargeldvorrat. Wenn der aufgebraucht ist, scheint es eine Möglichkeit zu geben, am Bankschalter zu ähnlich gutem Kurs Geld vom PayPal Account auszahlen zu lassen.

Dollar sind teilweise etwas beliebter als Euros, aber man kann auch Euro gut wechseln. Bei kleineren Währungen kann es schwieriger werden.

Hunde

Hund sitzen ganz viele am Straßenrand und laufen in den Dörfern herum und begleiten einen… Aggressiv sind sie kaum, ich habe allerdings ein paar davon versehentlich erschreckt, das fanden sie gar nicht gut und haben alle ihr Freunde zum gemeinsamen Bellen geholt.

Teil 7 – Potosi – Santa Cruz

Mein Rad hatte ich in einer Pension in Uyuni stehen lassen (kein Problem, es ist ganz sicher, sagten die Gastgeber). Als ich versuche, sie wegen der Abholung zu erreichen, bekomme ich auf keinem der möglichen Kanäle Antwort, auch buchen kann ich die Pension nicht. Ein bisschen verunsichert bin ich also, also ich mich in den Bus nach Uyuni setze. Dort angekommen, scheint die Pension wie ausgestorben, ich sehe oder höre keinen Menschen. Allerdings kenne ich noch die kleine Schnur, die durch ein Loch in der Tür nach draußen hängt. Mit der lässt sich die Türklinke von außen öffnen und im Flur steht – genau wie ich es da gelassen habe – mein Fahrrad. Ich schreibe also eine kurze Nachricht für die Gastgeber, wundere mich und nehme das Rad mit.

Trotzdem will ich mir die restliche Strecke nicht zu schwierig machen. Deshalb lade ich das Rad erst einmal wieder in den Bus nach Potosi. Das ist sehr unproblematisch, im Gegensatz zu Chile will auch niemand Geld für das Rad.

In Potosi allerdings stelle ich zu meinem Leidwesen fest, dass der Busbahnhof definitiv nicht in der Innenstadt liegt. Dafür liegen gute Teile der Stadt an extrem steilen Hängen und alles natürlich in ungefähr 4000 m Höhe. Habe ich die dicken schwarzen Wolken erwähnt, die fast sämtliche Fahrzeuge hinter sich herziehen? Also: der Weg vom Busbahnhof zum Hotel ist sehr ernüchternd. Und sehr anstrengend.

Ich habe einen ganzen Tag Zeit in Potosi und eigentlich habe ich den fast ganz verplant: vormittags eine Tour durch die aktiven Minen der Stadt, nachmittags eine Stadtführung. Es kommt zumindest für den Vormittag anders: ich gehe gerade mal 20m in die Mine hinein, bekomme einen Anfall von Claustrophobie und fliehe. Ja, letztes Jahr bin ich 7 Stunden durch ein sehr enges Höhlensystem in der Ukraine gekrabbelt. Nein, das ist nicht dasselbe. In Potosi ist es absolut realistisch, kaum Luft zu bekommen, Sicherheitsvorkehrungen sind berüchtigt kaum vorhanden (der Führer erklärt, dass Zigaretten etwas anders glühen, wenn der CO-Gehalt zu hoch wird. Messgeräte sind überschätzt.). Ich kann da nicht rein und warte draußen auf die Gruppe.

Die Innenstadt von Potosi ist sehenswert: viel koloniale Architektur, viel Protz. Die Stadt war eben einmal sehr reich, mit ihrer ergiebigen, von den Spaniern ausgebeuteten Silbermine.

 Potosi-Betanzos

47 km, 300 Hm bergauf, vielmehr bergab

Wie schon die Fahrt zum Hotel ist auch die Fahrt aus der Stadt heraus eine Katastrophe. Die engen Einbahnstraßen navigiert die App ganz gut, aber der Verkehr! Die dicken, schwarzen Abgaswolken! Ja, das gibt es woanders auch, aber in mehr als 4000 m Höhe japse ich sowieso schon nach Sauerstoff. Und so steil wie hier sind die Straßen auch nicht überall.

Hinter der Stadt wird es langsam besser, außerdem führt die kurze Strecke heute vor allem bergab. Gegen Mittag bin ich in Betanzos und finde tatsächlich eine nette Unterkunft – ziemlich neu, sauber, umgerechnet 6 Euro pro Nacht.

Betanzos selbst ist eine eher langweiligen Provinzhauptstadt. Es gibt eine hübsche Kirche und einen Markt, aber damit scheint man dann auch alles gesehen zu haben. Beim zweiten Gang durch die Stadt erscheint sie dann eher trostlos.

Kirche in Betanzos

Betanzos – Puente Antonio Jose Sucre

65 km, 746 Hm

Weiterhin geht es vor allem bergab – mit deutlich nennenswerten Ausnahmen. Und zumindest heute macht sich das auch in der Temperatur bemerkbar: es ist heiß, Anstiege in der Sonne sind definitiv kein Spaß.

In Millares esse ich zu Mittag. Es gibt hier an den meisten Orten Comedores, also günstige Restaurants, in denen man eine Suppe und Hauptgericht für umgerechnet unter zwei Euro bekommt, viel günstiger als in Restaurants, die auf Touristen ausgerichtet sind. Abwechslungsreich ist das Essen nicht – die Optionen scheinen überall identisch zu sein. Aber die Schnitzelqualität ist OK und satt wird man definitiv. Ein Risiko für Lebensmittelvergiftung ist natürlich immer dabei.

Einen Anstieg später erreiche ich die Brücke „Antonio Jose Sucre“. Es handelt sich um eine Hängebrücke, die beeindruckend zwischen zwei  Forts über den Fluss Pilcomayo führt – und die heute vollkommen funktionslos ist. Nicht nur, dass sie anscheinend mitten im Nirgendwo gelegen ist, sie ist nicht einmal mit dem Fahrrad von beiden Seiten erreichbar. Zwar führt von der Hauptstraße aus ein Weg hinunter zur Brücke, aber für alle außer Fußgänger hat ein Erdrutsch den Weg unpassierbar gemacht, man muss außen herum über eine neuere Brücke fahren. Genau das tue ich – ioverlander empfiehlt den gegenüberliegenden Turm als Zeltplatz.

Außer mir ist bereits ein französisches Paar mit Camper da, außerdem eine ganze Reihe wilder Hunde. Es ist laut, nebenan wird Kies ausgebaggert, aber wir hoffen, dass der Lärm nachts aufhört – leider behalten wir nur teilweise Recht, die ganze Nacht über sind immer Mal wieder Motoren zu hören.

Schlimmer aber: das nette französische Paar lädt mit zum Abendessen ein. Einer der Hunde ist entweder frustriert, dass die Einladung nur für mich gilt oder findet einfach mein Zelt toll – jedenfalls zerfetzt er in der Zeit die ich weg bin, gute Teile meines Vorzelts und beißt gleich mehrere Leinen durch. Und dann steht er da, wedelt intensiv mit dem Schwanz und benimmt sich, als wolle er gelobt werden…

Puente Sucre
Dieser Hund hat mein Zelt zerstört!

Puente Sucre – Sucre

45 km, 1250 Hm, aber die letzte paar hundert davon fahre ich Bus.

Was soll ich sagen, die Landschaft ist gewohnt hübsch, die Höhenmeter führen aber heute mehr bergauf als bergab. Nach den katastrophalen Abgasen in Potosi habe ich aber ohnehin nicht die geringste Lust, mit dem Rad in eine bolivianische Großstadt hinein zu fahren. Also geht es bis Yolata, ich esse zu Mittag und mache mich auf die Suche nach einem Bus. Eine ältere Frau, die an der Straße Empanadas verkauft, hilft. Einige Minibusse fahren an mir vorbei, bis endlich einer anhält. Der Fahrer klettert aufs Dach, lässt sich das Rad hochgeben, legt es auf den Dachgepäckträger ohne es sonderlich zu sichern, ich quetsche mich mit Gapäck in den schon überfüllten Bus und los geht es.

Etwas später bin ich in Sucre, der offiziellen Hauptstadt (aber nicht Regierungssitz!) von Bolivien und muss überlegen, wie es weitergeht mit meinem kaputten Zelt.

Sucre ist erst einmal überraschend hübsch – weiße Gebäude (wie ich später erfahre ist die weiße Farbe im Zentrum vorgeschrieben), koloniale Kirchen, deutlich weniger chaotisch und voll als andere Städte. Auch mein Hostal ist sehr schön.

Sucre

Ursprünglich möchte ich nur zwei Nächte bleiben, letztlich werden es 8. Ich melde mich zu einem Spanischkurs in einer der hier relativ zahlreichen Schulen an – meine heißt “ me gusta“, und ist durchaus empfehlenswert.

Was mein kaputtes Zelt betrifft, dauert alles länger als gedacht. Zuerst versuche ich ein Neues zu kaufen, was sich als erstaunlich schwierig erweist. In Uyuni wurden ein paar Zelte auf dem Markt verkauft, hier nicht. Schließlich finde ich eins  für umgerechnet 15 Euro. Klar, dass ich dem nicht traue. Die Zeltstangen sind anscheinend aus Kunststoff und ein paar Millimeter dick, die Heringe sehen eher aus wie Nadeln und ein Innenzelt gibt es natürlich nicht. Aber immerhin kann ich den Stoff nutzen, um das alte Zelt zu reparieren. Auch jemanden zu finden, der die Reparatur übernehmen kann, dauert. Die Lösung ist, dass Näherinnen nicht auf dem zentralen Markt zu finden sind, sondern auf dem so genannten Schwarzmarkt. Mit etwas Verspätung kommt mein Zelt kommt unter eine der Nähmaschinen. Ob es wieder funktioniert? – muss ich wohl ausprobieren. Die Näherin hatte es etwa eilig und die Maschine hatte Schwierigkeiten, den beschichteten Stoff zu transportieren. Das Ergebnis ist einigermaßen ungleichmäßig, aber es sollte ausreichen, um das Vorzelt wieder abzuspannen.

Sucre – Zurima

60 km, 1000 Hm

Ich hatte gehofft, dass der Weg aus Sucre heraus etwas weniger unangenehm ist als der aus Potosi. Ich lag falsch. Die Städte sind hier alle im Schachbrettmuster angelegt, ohne irgendeine Rücksicht auf das Höhenprofil. Manche Straßen sind also extrem steil, ich werde wieder in schwarze Wolken von Autoabgasen gehüllt und die Stadt will kein Ende nehmen.

Als sie es doch tut, ist da ein Dinosaurier-Park. Zu sehen sind echte fossile Fußspuren von Sauriern, an einer so gut wie senkrechten Wand (die durch tektonische Verschiebungen aufgerichtet wurde.) Das Interessante daran ist, dass die Anden weitgehend erst nach dem Aussterben der Dinosaurier entstanden sind. Erstaunlich also, dass sich die Spuren erhalten haben, weniger erstaunlich, dass was einmal eine Ebene war, heute eine senkrechte Wand ist.

Ich habe allerdings genug davon, in Zeitlupe voranzukommen und werfe deshalb nur einen kurzen Blick auf ein paar Spuren, bevor ich weiter fahre.

Der Verkehr wird jetzt weniger, irgendwann fahre ich durch ein Tal, dass offenbar Naherholungsgebiet für Sucre ist – den vielen Pools, Rutschen und Restaurants nach zu urteilen. Ich esse guten Pacu  zu Mittag  – ein Fisch, den es hier überall gibt und von dem ich noch nie gehört habe.

Gegen Nachmittag wird die Landschaft dann richtig schön und auch mein Ziel heute, das Dorf Zurima ist zwar klein aber sehr sympathisch. Eine Unterkunft für mich gibt es auch: ein Zimmer in einer Hofanlage, die ich für mich allein habe. Fensterglas gibt es nicht – und damit ist leider kaum etwas gegen die Mücken zu machen, Wasser kommt offenbar nur tröpfchenweise durch die Leitung, aber der Hof ist sehr schön.

Zurima – Aiquile

80 km, 1530 – 1680 Hm

Uff! Der Tag fängt mit ein paar km abwärts an, dann ist es ein langer, langer (wenn auch nicht sehr steiler) Anstieg bis ein paar km vor Aiquile.

Größtenteils führt die Straße durch ein weites Tal, auf den ersten Blick fällt der Anstieg kaum auf.

Wie immer sitzen jede Menge wilde Hunde am Straßenrand. Sie sehen aus, als würden sie sich mit Autofernsehen amüsieren. Tatsächlich warten sie vermutlich darauf, dass Leute Abfälle aus dem Autofenster werfen – was sie auch ständig tun. Wobei – es sieht so aus, als würden die Abfälle am Straßenrand auf dem Weg weniger, dafür sehen die Hund immer ausgehungerter aus.

Aiquile – Peña Colorada

56 km, 1000 Hm

Der Tag gestern steckt mir noch etwas in den Knochen, also geht es eher langsam vorwärts. Ich schiebe das Rad öfter mal die Anstiege hoch – schlicht, um auch mal andere Muskeln zu benutzen. Die Steigungen sind eigentlich alle fahrbar.

Ich bin mittlerweile klar in Papageienland. Es gibt ein Schutzgebiet, speziell für eine bestimmte Papageienart. Allerdings: Die Vögel lassen sich partout nicht fotografieren. Dafür sind permanent ihre Schreie zu hören.

Heute gibt es keine feste Unterkunft für mich, ich muss zelten. Ich nehme einen Platz, den Ioverlander empfiehlt, neben einem Turm aus roten Felsen. Es ist ein bisschen steinig – Heringe sind eigentlich nicht in den Boden zu bekommen (aber es liegen genug große Steine herum, um das Zelt zu sichern). Der Platz ist aber sehr schön. Allerdings wird es mittlerweile gegen halb 7 dunkel. Also, was bitte macht man im Zelt danach? Wenn man zusätzlich nicht zuviel Licht machen will? Eine Weile höre ich mein Hörbuch. Ich gehe nochmal raus (und habe etwas Schwierigkeiten, im Dunkeln mein Zelt wiederzufinden). Dann lasse ich mich von entfernten Wetterleuchten verunsichern. Gegen 9 versuche ich zu schlafen. Ist natürlich zu früh, ich liege ziemlich lange wach diese Nacht.

Peña Colorada – Saipina

45 km, 738 Hm

Irgendwann in der Nacht sind Wolken über den wunderschönen Sternenhimmel gezogen, als ich aufwache, regnet es. Wieder einmal packe ich das Zelt patschnass und sandig ein und fahre los. Eine längere Pause gibt es an einem kleinen Laden mit pappsüßem Saftersatz, weil der Regen zu heftig ist, als er nachlässt, geht es weiter. Die Strecke ist heute nicht sehr lang, die Höhenmeter sind auf mehrere Anstiege verteilt. Gegen Mittag bin ich in Saipina.

Der Ort ist ein bisschen trostlos, wie viele andere. Es gibt einen grünen Platz in der Mitte, eine Reihe günstiger Lokale, einen Markt. Kein Café, in dem man sich länger aufhalten möchte. Dafür treffe ich Rad Reisende, ein Paar aus Deutschland. Sie sind in die andere Richtung unterwegs, nach Sucre, Potosi, Uyuni. Mehr als für einen kurzen Erfahrungsaustausch sehen wir uns also nicht.

Samaipata

So, ich habe keine Lust mehr auf die vielen Steigungen und es regnet auch schon wieder. Also packe ich das Rad früh morgens in einen Bus. Wieder ist das super unproblematisch. Während man in Chile zumindest kritisch und genervt angesehen wurde und für den Transport ordentlich kassiert wurde, scheinen sich die Kartenverkäufer hier über die Frage zu wundern… natürlich kann der Bus ein Rad mitnehmen.

Samaipata ist ein nettes, relativ touristisches Städtchen mit Hippie-Vibes. Hübsche Cafés gibt es jede Menge, außerdem Agenturen, die Ausflüge und Wandertouren anbieten. Meine Unterkunft hat einen parkartigen Garten und gleich mehrere Gebäude aus Lehmziegeln. Ich bekomme ein großes Zimmer mit riesigen Panoramafenstern und Terrasse. Ideal für die letzten, entspannenden Tage in Bolivien.

In der Nähe befinden sich zwei wichtige Ausflugsziele: der Amboro Nationalpark mit gleich mehrere Vegetationszonen und „El Fuerte“, ein Berg, der gleich von mehreren Kulturen genutzt wurde, sowohl für kultische Zwecke als auch als Fort und für Wohngebäude: eine vor-inkaische Zivilisation, die Inkas, die Spanier.

Ich nehme an einer Wanderung zu Riesenfarnen teil, und besuche El Fuerte auf eigene Faust.

Auf dem Weg dorthin gibt es eine weitere, sehr lohnende Sehenswürdigkeit: das Refugio de colibris. Es handelt sich um ein großes Grundstück, auf dem nichts anderes getan wurde, als Nahrungspflanzen für Kolibris anzubauen. Extrem erfolgreich: man kann an einer beliebigen Stelle warten und sicher sein, gleich mehrere Kolibriarten zu Gesicht zu bekommen.

Santa Cruz

Auch nach Santa Cruz fahre ich nicht mit dem Rad – die Zeit dazu würde nach der Pause in Samaipata gar nicht mehr ausreichen. Dieses Mal wird es ein Sammeltaxi, mein Rad kostet eine kleine Gebühr und wird dafür kunstvoll auf dem Dach verzurrt.

Santa Cruz ist die größte Stadt Boliviens, es gibt einen schönen Platz im Zentrum und einige hübsche Cafés. Ein Taxifahrer erzählt stolz, die Stadt sei der wirtschaftliche Motor Boliviens. Sonst allerdings gibt es nicht allzuviel zu sehen.

Zu meiner Überraschung bekomme ich ziemlich unproblematisch einen Fahrradkarton (kostet eine kleine Gebühr, aber die Taxifahrt zu Fahrradladen und zurück ist teurer), in den ich das Rad halbwegs reingequetscht bekomme. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn es hier Fahrräder gibt, sind es fast durchweg Mountainbikes oder Gravelbikes ohne Schutzbleche, Beleuchtung, Gepäckträger, Lowrider. All das habe ich aber an meinem Reiserad, tendenziell brauche ich trotz kleiner Räder und kleinen Rahmens mehr Platz als das durchschnittliche südamerikanische Rad.

Tja, und dann geht es schon mit einem sehr klapprigen Uber zum Flughafen.

Irgendeine Schwierigkeit gibt es ja immer, wenn man mit Fahrrad fliegen will. Heute lasse ich meine Fahrradtaschen an einer Packstation zusammen in Frischhaltefolie wickeln und stelle mich an eine endlose Schlange am Check-in. Als ich endlich dran bin, besteht das Personal darauf, dass ich auch den Fahrradkarton einwickeln lassen muss. Ich denke mal wieder über einen Wutanfall nach, mache mich aber auf den Weg zurück zur Packstation. Die Sache ist: In Bolivien ist wirklich alles für uns sehr billig, erst recht beim gerade geltenden inoffiziellen Wechselkurs. Nur diese Packstation hat quasi internationale Preise. Insgesamt lasse ich umgerechnet 36 € da und es ist wirklich Zufall, dass ich dieses Geld noch dabei habe.

Immerhin darf ich mich beim zweiten Mal vorn in die Checkin- -Schlange stellen, und – Hurrah – muss keinen Fahrradkarton mehr durch die Gegend buxieren. Noch besser: Gepäck und Rad kommen 20 Stunden später unversehrt in Berlin an und ich werde sogar vom Flughafen abgeholt!

Teil 6 – Ohne Fahrrad: San Pedro de Atacama, Salar de Uyuni, Titicaca-See, La Paz, El Choro Trek

Dieser Teil der Reise läuft im Wesentlichen ohne Fahrrad, weil meine Tochter da ist und keins mitgebracht hat. Sie hält mich für verrückt und sagt, mit mir gibt es keine Radtour.

Von Santiago aus fahren wir per Bus in etwa 20 Stunden nach San Pedro. Die Fahrradmitnahme ist zwar nicht ganz billig, funktioniert aber unproblematisch. Nur in Calama stellen wir fest, dass der Bus nach San Pedro nicht von dem Busbahnhof aus fährt, an dem wir angekommen sind, was mit Rad schon eine kleine Komplikation ist.

San Pedro ist ein sehr touristisches, aber auch sehr schönes Wüstendorf, umgeben von absolut spektakulärer Landschaft. Wie die meisten Touristen buchen wir ein paar organisierte Touren: zum Sterne beobachten in die nächtliche Wüste, zum Valle de la Luna und zu den Geysiren in El Tatio. Außerdem machen wir einen Ausflug zur Garganta del diablo, dieses Mal mit Fahrrädern (ein eigenes, ein geliehenes).

Alles, wirklich alles in der Umgebung ist absolut spektakulär und jede der Touren absolut empfehlenswert! Welche der zahlreichen Agenturen man wählt, scheint dabei nicht sonderlich wichtig zu sein.

Salar de Uyuni Tour

Der üblichste Weg von San Pedro nach Bolivien ist eine dreitägige Jeep-Tour durch eine Reihe weiterer spektakulärer Landschaften nach Uyuni. Auch diese Tour wird von vielen Agenturen angeboten. Wir müssen allerdings eine finden, die bereit ist, mein Rad mitzunehmen. Ich möchte es dann zwar stehenlassen und später abholen, aber zumindest bis über die Grenze nach Bolivien soll es mit.

Wir finden tatsächlich einen Veranstalter, der bereit ist, das Rad aufs Dach zu packen: die Ventura Travel Agency und der bolivianische Partner Expediciones Manuel erklären sich bereit zum Radtransport. Einziger Nachteil: an diesem Tag gibt es keinen englischsprachigen Guide. Nach kurzer Bedenkzeit erklären wir, dass wir soeben Spanisch gelernt haben und buchen.

Es stellt sich heraus, dass auch die anderen Teilnehmer die Sache mit der Sprache nicht so ernst genommen haben: unter den sechs Teilnehmer*innen sind zwei Chinesinnen, von denen nur eine einigermaßen Englisch kann, keine Spanisch, ein Paar aus Brasilien (sie kann Recht gut Spanisch, er deutsch, keiner Englisch und wir ( Englisch, ich ein bisschen Spanisch). Alle tun ihr bestes, um sich zu verständigen, ich (gerade so zwei Brocken Spanisch) fange irgendwann an, Spanisch – Englisch zu übersetzen und tatsächlich funktioniert alles überraschend gut.

Die Tour führt über eine Reihe von durch unterschiedliche Minerale gefärbte Lagunen, zu Flamingokolonien,  weiteren Geysiren und zu heißen Quellen. Es geht auch ziemlich direkt von 2300 Höhenmetern auf fast 5000 und dann wieder etwas herunter auf 4000. Was soll ich sagen, alle mit Ausnahme des Fahrers kämpfen um ihre Sauerstoffsättigung, Cocablätter werden verteilt, außerdem Kopfschmerztabletten. (Zitat von meiner Tochter: „Ich glaube, ich sterbe.“)

An den kommenden Tagen gibt es Spaziergänge zu bizarren Felsformationen und schließlich Fotosessions auf dem Salar de Uyuni, der gerade ungefähr 10 cm unter Wasser steht.

Titicacasee, Isla del Sol

Das offensichtlichste Ziel am Titicacasee ist Copacabana. Andere Reisende haben uns aber vor diesem Ort gewarnt: sehr touristisch, laut, nicht besonders interessant. Also machen wir dort nur einen kurzen Stopp, bevor wir uns in eine Fähre zur Isla del Sol, genauer gesagt nach Chalapampa am Nordende der Insel setzen. Es ist ein kleiner, ruhiger Ort direkt am See an der Verbindung zu einer Halbinsel. Die Tage auf der Isla del Sol sind wirklich ruhig und entspannend. Wir wandern einmal um die komplette Insel, fast 20 km und insgesamt natürlich recht anstrengend, aber sehr schön. Zu sehen gibt es eine Reihe Ruinen aus der Inkazeit, eine größere Anlage im Norden und ein paar Dinge im Süden der Insel, außerdem schöne Ausblicke auf den See und viele Alpacas. Nach den anstrengenden Tagen um den Salar de Uyuni ist es genau das richtige.

Copacabana

La Paz

Die Ankunft in La Paz ist erstmal ein Schock: eineinhalb Stunden lang quält sich der Bus durch die Straßen von El Alto und La Paz. Überall halbfertige, niedrige Ziegelbauten, steile Straßen und Rußwolken aus den Auspuffen von kleinen und größeren Bussen. Man hat Lust, das Atmen einzustellen, stattdessen keucht man in der Höhe von der kleinsten Anstrengung.

Zum Glück verbessert sich der Eindruck nach kurzer Zeit. Nicht jede Straße ist voller Autos, es gibt große, interessante Märkte und gute Restaurants.

Wir tun die üblichen Dingen: Sehenswürdigkeiten ansehen, Stadtführung machen und Seilbahn fahren.  Ja, La Paz hat Seilbahnen als öffentliche Verkehrsmittel quer durch die Stadt und die Nachbarstadt El Alto gebaut. Die Bahnen sind Klasse. Man steigt ein, es wird plötzlich ganz still und man bekommt den besten Eindruck von der Stadt. Teilweise fahren die Bahnen zwischen Hochhäusern hindurch, teilweise hoch über der Stadt.

El Choro Trek

Außerdem bereiten wir unser nächstes Abenteuer vor: die Wanderung auf dem El Choro Trek, einem Weg aus der Inkazeit, der in drei bis vier Tagen aus fast 5000 m Höhe hinunter in die Yungas führt. Wir kaufen Lebensmittel für die ganze Strecke und fragen bei Tourveranstaltern, ob der Weg trotz noch andauernden Regens machbar ist. Zwei Frauen in unterschiedlichen Büros raten uns  ab, sagen aber, dass sie nichts definitives sagen können. Ein Mann erklärt uns eine dreiviertel Stunde lang den gesamten Weg, sagt, dass es schon OK ist und leiht uns Wanderstöcke. Das Problem: normalerweise dauert die Regenzeit etwa bis März. Es ist Anfang April, aber es regnet und regnet. Das bedeutet: rutschige Steine auf dem Weg bergab, viel Matsch, viel höhere Wasserstände an den zu überquerenden Flüssen.

Wir machen uns trotzdem auf den Weg. Gleich zu Anfang nehmen wir einen falschen Abzweig und müssen deshalb den Aufstieg auf fast 5000 Meter Höhe zweimal machen. Wir bewegen uns in Zeitlupe. Danach fängt es an zu regnen, dann zu graupeln. Die alten Wege aus der Inka-Zeit sind bei diesem Wetter berüchtigt rutschig. Also wieder Zeitlupe. Währenddessen wird die ursprüngliche Wüstenlandschaft langsam grüner. Erst sind Flechten zu sehen, dann Grasbüschel, schließlich der erste Baum. Am Ende schaffen wir es am ersten Tag nicht zum geplanten Campingplatz. Stattdessen schlagen wir das Zelt, als es schon dunkel wird, mitten auf dem Weg auf – das ist der beste Platz, den wir finden. Und da wir so gut wie noch keinen Menschen getroffen haben, ist auch nicht damit zu rechnen, dass wir nachts jemanden stören.

In der Nacht regnet es kaum unterbrochen weiter.

Am zweiten Tag machen wir nachmittags etwas eher Schluss – in Bellavista,  einem Campingplatz, wo wir das Zelt unter einem Dach aufstellen können. Das bedeutet allerdings, dass wir statt dreier Tage vier brauchen werden – und das wir entsprechend nicht genug Lebensmittel dabei haben. Immerhin können wir zwei Eier und ein paar Kekse kaufen.

Die wirkliche Herausforderung kommt am dritten Tag: am späten Vormittag  kommen wir an einen Fluss, über den einmal eine wunderschöne Hängebrücke führte. Von der sind allerdings nur noch die Drahtseile übrig. Der Fluss wiederum wirkt reißend, einfach durchspazieren können wir nicht. Wir versuchen es ein Stück flussaufwärts. Samt Schuhen  tasten wir uns durch die Strömung. Auf der anderen Seite des Flusses scheint ein Weg nach oben zu führen. Das muss doch wohl der provisorische Anschluss an unseren Weg sein?

Wir klettern hinauf. Der Pfad ist extrem steil, wir ziehen uns an der Vegetation hoch, an einer Stelle hängt ein Seil. Leider stellt sich, als wir oben sind, heraus, dass dieser Pfad nichts mit unserem Weg zu tun hat. Er trifft auf eine Wasserleitung und folgt dieser. Wir müssen zurück nach unten. Den Pfad, den wir kaum aufwärts geschafft haben. Zum Glück geht alles gut. (Zitat meiner Tochter: „Ich dachte, wir gehen Wandern, nicht ungesichert mit 8 kg Gepäck klettern.“) Wie wir über den Fluss kommen, wissen wir leider immer noch nicht. Auf der richtigen Seite des Flusses am flussbett entlang zu gehen, funktioniert nicht. Es gibt eine Steilküste und starke Strömung. Also zurück über den Fluss.

Ich versuche mich ein paar Meter an den Stahlseilen der kaputten Brücke entlang zu hangeln. Prinzipiell möglich, aber extrem unangenehm. Schließlich versuchen wir mehrere Stellen im Fluss und haben schließlich Glück: an einer Stelle befindet sich eine große Steinplatte, über der das Wasser nicht ganz so tief ist. Millimeterweise tasten wir uns vorwärts. Die Flussüberquerung, die man normalerweise in ein paar Minuten hätte machen können, hat drei Stunden gedauert.

Auch der nächste Platz, auf dem wir übernachten, heißt Bellavista. Bestimmt bietet er auch eine tolle Aussicht – allerdings nicht als wir da sind, wir bekommen im Wesentlichen Nebel zu sehen.

Der letzte Tag bringt glücklicherweise keine weiteren Abenteuer: gegen Mittag kommen wir in Chairo an, einem kleinen Ort am Ende des Weges. Dort hängt ein Whiteboard mit Namen – es ist schon genau organisiert, wer dran ist damit, Touristen zum nächsten größeren Ort zu bringen, von wo der Bus zurück nach La Paz fährt.

Für meine Tochter ist die Reise schon wieder zu Ende (schade!). Sie setzt sich in den Bus nach Santa Cruz, ich mache mich auf den Weg, mein Rad in Uyuni abzuholen.

Carretera Austral – das Wichtigste

Fahrrad mitnehmen

…oder mieten

Meistens stellt sich die Frage gar nicht, wenn es um Radtouren geht, die woanders beginnen als sie enden. Es gibt schlicht keine Alternative zum eigenen Rad. Hier ist es anders, die Carretera Austral ist so bekannt und typisch, dass sich mindestens zwei Anbieter auf die Tour spezialisiert haben: Cicloturismo Patagonia in Cohaique und Austral Bikes in Puerto Vargas verleihen Mountainbikes mit Fahrradtaschen für die Carretera Austral, holen die Räder am Ende zurück und bringen auch Rucksäcke zum Zielort. Außerdem organisieren sie begleitete Touren. Ich hatte zwar mein Rad dabei, habe aber Leute von beiden Anbietern getroffen, außerdem Radfahrer mit Leihrädern. Erstere waren super nett und hilfsbereit, letztere zufrieden. Der Spaß ist nicht billig, für die Carretera Austral aber eine echte Alternative.

Auch in Puerto Montt ein Rad zu kaufen, ist möglich.

Highlights

Die Marmorkathedrale in Puerto Rio Tranquillo. Aber die anderen Nationalparks unterwegs – Pumalin mit dem Chaiten-Vulkan und einer Reihe Wanderwege und Queulat Nationalpark mit dem Ventisquero Colgante sind auch klasse.

Unterkunft

Hostels, Hospedajes, Zelt…

In Patagonien regnet es sehr viel und je weiter man nach Süden kommt, desto windiger wird es. Wer nur zeltet, hat Schwierigkeiten, seine Sachen trocken zu halten. Ein Zelt zu haben ist aber sinnvoll. Wild campen ist an vielen Stellen schwierig (Zäune neben der Straße), aber es gibt jede Menge Campingplätze, oft auf Bauernhöfen. Viele davon haben überdachte Plätze fürs Zelt und/oder liegen windgeschützt. Ein sturmsicheres Zelt braucht es also nicht.

Sprache

Irgendwie geht es ja immer mit Händen und Füßen und deepl oder Google translate…aber mit allzu viel Englischkenntnissen sollte man bei Chilen*innen nicht rechnen. Besser kommt zurecht, wer ein bisschen Spanisch kann, wobei die chilenische Variante nicht ganz einfach zu verstehen ist.

Sim-card

Stand März 2025: uff.

Ich konnte Ende Januar 2025 auch mit vielem Suchen keine chilenische e-sim kaufen. Mit einer klassischen Karte und der Hilfe eines Ladens hat es aber geklappt. Über die Netzabdeckung konnte ich mich bei meinem Anbieter Entel auch nicht beschweren.

Einen Catch gab es aber doch: kurz vor Ende meine ersten Monats in Chile  stellte ich fest, dass man das Handy mit seiner imei- Nummer und allen möglichen persönlichen Daten registrieren muss, ansonsten wird es nach 30 Tagen gesperrt. Das Anmelden geht zum Beispiel hier: Dekra

Aber es kommt schlimmer: meine Tochter kam Anfang März nach Santiago und zu diesem Zeitpunkt ist es uns gar nicht mehr gelungen, eine chilenische Sim zu aktivieren. Ohne chilenische Personennummer ging nichts mehr. Beim etwa 4. Versuch hat der Mitarbeiter eines Ladens die SIM mit seinen eigenen Daten angemeldet…aber das kann man ja nicht erwarten.

Ich vermute, dass das Problem bald gelöst wird, aber momentan macht es vermutlich am meisten Sinn, eine internationale e-sim, z.B. Holafly o.ä. zu kaufen.

Wie anstrengend ist es?

Ja.

Asphalt? Schotter?

Bis Cerro Castillo fast überall guter Asphalt/Beton (Ausnahme: Pumalin- Nationalpark). Danach Schotter, Wellblech.

Wie entsteht Wellblechpiste?

Jede/r, der es nicht schon weiß, stellt sich diese Frage irgendwann auf der Carretera Austral.

Wikipedia sagt dazu folgendes: „Die Entstehung von Wellblechpisten lässt sich auf die schrittweise fortschreitende Deformation des Bodens zurückführen. Jedes Fahrzeug, das über die unbefestigte Straße fährt, hinterlässt aufgrund kleiner Unebenheiten im Granulat eine Delle. Diese Delle wirkt wie eine kleine Rampe, die nachfolgende Räder nach oben beschleunigt, bevor sie mit Wucht in der Granulatschicht landen. Dieser Vorgang wiederholt sich ständig und führt dazu, dass sich die anfänglich kleine Vertiefung allmählich vertieft und vervielfältigt, sodass sie schließlich den gesamten Bereich der Straße überzieht.“

Wie kommt man aus Villa o’Higgins weiter?

  1. Trampelpfad und zwei Fähren nach Chalten in Argentinien, von dort per Bus weiter zum Flughafen der Wahl (oder wohin man halt möchte). Ich habe den Weg nicht genommen, aber es gibt einige Beschreibungen im Internet. Wichtig: ausreichend Zeit einplanen, die Fähren fahren bei schlechtem Wetter nicht.
  2. Zurück nach Cohaique/Balmaceda, von dort mit dem Flieger weiter. Wer nicht nochmal mit dem Rad übers Wellblech fahren will, kommt wahrscheinlich mit dem Bus hin. Allerdings: je weiter man im Süden ist, desto kleiner und seltener werden die Busse. Man kann nicht sicher sein, mit Fahrrad mitzukommen und man zahlt auch relativ deutliche zusätzliche Gebühren. Ab Cochrane nach Norden muss man zwar noch umsteigen, hat aber ziemlich gute Chancen, dass alles klappt. Hier fahren normale Reisebusse von zwei verschiedenen Firmen – „Sao Paulo“ hat die etwas größeren Gepäckfächer.
  3. Fähre von Caleta Tortel oder Caleta Yungay nach Puerto Natales. Man kommt also nicht ganz nach Villa o’Higgins oder fährt eben ein Stück zurück. Die Fähre hat keine Kabinen, aber Liegesitze und fährt in etwa 40 Stunden durch die Fjorde nach Puerto Natales. Von dort (nach Besuch des Nationalparks Torres del Paine) kommt man mit dem Flieger zurück oder mit einem beliebigen Verkehrsmittel weiter. Das war meine Variante. Die Fahrt lohnt sich definitiv! Je nach Saison sollte man aber auch als Fußgänger /Radfahrer rechtzeitig buchen.
  4. Viele planen von Anfang an nur die Strecke bis Cohaique. Dort gibt es einen nahen Flughafen.

Wieviel Zeit einplanen?

Kommt natürlich drauf an. Aus der kleinen, unrepräsentativen Gruppe, mit der ich in Kontakt war, kam das erste Foto aus Villa o’Higgins nach 14 Tagen (Superman!), das letzte nach 29 Tagen. Wichtig ist aber, mehr Zeit einzuplanen, als man denkt, vor allem wenn man am Ende weiter über den Trampelpfad nach Chalten will. Dieser Weg enthält zwei Fähren, von denen eine bei schlechtem Wetter nicht fährt. Ich selbst habe es nicht probiert, aber als ich ans Ende meiner Tour kam, steckte gerade eine Reihe von Radfahrern in Villa o’Higgins fest.

Aber auch diejenigen, die andere Wege nehmen, sollten Zeit für die Nationalparks und für Unvorhergesehenes einplanen.

Allein? Als Frau allein?

Ja, klar.

Selbst der südliche Teil des Wegs ist weniger abgelegen, als es den Anschein hat. Zwar gibt es dort kaum Dörfer, aber doch einige einzelne Höfe. Auch Autos fahren noch einige die Strecke entlang.

Hunde und andere Haustiere

laufen einem sehr viele über den Weg. Alle, die ich getroffen habe, wollten nur eins: rund um die Uhr gestreichelt werden. Probleme hatte ich keine.

Teil 5 – Caleta Tortel – Puerto Natales – Santiago

Die Fähre von Puerto Yungay über Caleta Tortel nach Puerto Natales fährt in der Saison alle paar Tage, braucht, wenn alles gut geht 41 Stunden und man bucht sie am besten im Voraus. In Caleta Tortel hält sie zwischen 21 und 22 Uhr abends.

Wie der ganz Ort, hat auch der Fähranleger keinen Zugang zu einer Straße. Um mit dem Rad dorthin zu kommen, muss man zunächst Fahrrad und Gepäck hunderte Stufen runtertragen, dann theoretisch 20-30 Minuten über Holzbohlenwegen am Ufer entlang schieben/fahren. Praktisch werden an einer Stelle die Bohlen gerade repariert, was bedeutet, dass man das Rad zusätzlich vieleviele Stufen rauf und wieder runtertragen müsste. Den ersten Schritt – Rad zum Ufer tragen – bekomme ich hin. Ab da nutze ich die teure, aber auch ganz lustige Alternative: im Ort findet sich ein junger Mann, der mich samt  Rad per Schlauchboot durch den aktuellen Sturm zum Anleger bringt. Funktioniert schnell und unproblematisch.

Die Fähre erscheint pünktlich am Anleger zwischen den in der Dämmerung gerade wieder aktiven Moskitos, die angemeldeten und unangemeldeten (meins!) Fahrräder rollen drauf, Plätze werden gesucht, Decken verteilt und es geht los.

Die Fähre hat keine Kabinen, lediglich Sitzplätze, die sich weit zurückstellen lassen. Gegessen wird in mehreren Schichten in der relativ kleinen Cafeteria. Die Aussicht ist die ganze Fahrt über großartig, der Wind allerdings eisig.

Wie es sich gehört, ein Schiffswrack auf dem Weg.
Eingefangener Gletschereisbrocken

Puerto Natales und Torres del Paine

Eigentlich bin ich zu müde, aber für den Tag nach der Ankunft im Puerto Natales ist gutes Wetter angesagt. Also setze ich mich morgens um 7 im den Bus nach Torres del Paine. Ich bin nicht die einzige: um diese Zeit fahren Busse im 5-Minuten-Takt ab, die meisten Fahrgäste haben große Rucksäcke für Mehrtagestouren. Ich nicht. Man muss Unterkünfte  und Campingplätze Campingplätze ein paar Wochen im Voraus reservieren, wenn man sich zu spät kümmert, kann es sehr teuer werden.

Schon aus dem Bus gibt es ab und zu einen kurzen Blick auf die berühmten Felsentürme, die Hauptattraktion des Parkes. Dorthin führt auch der Wanderweg, den ich nehme. Wieder bin ich nicht allein. Wirklich, auf den etwas 10 km und 1000 Höhenmetern zum Ziel gibt es nur wenige Momente, in denen ich nicht hinter mir Schritte höre und vor mir Leute sehe. Das Wetter ist gut, die Aussicht großartig, die Wanderung anstrengend, aber, wie eine andere Touristin sagte: klare Disneyland-Vibes.

Obwohl es sich landschaftlich wirklich lohnt, entscheide ich mich dagegen, noch einmal zum Nationalpark zu fahren und mache stattdessen eine kleine Wanderung auf den Cerro Dorothea bei Puerto Natales. Auch hübsch und kaum Aufwand. Allerdings: wie auch an anderen Orten in Chile führt der Weg mindestens teilweise über Privatgelände. Und für Europäerinnen wie mich ist es schon sehr gewöhnungsbedürftig, wenn am Beginn eines Wanderwege jemand steht und Eintritt kassiert.

Und dann muss ich mich schon um den Flug nach Santiago kümmern. Fahrradkarton bekomme ich keinen, aber ich drapiere kosmetisch Kartons ums Rad, bevor ich es in fast 100 m Frischhaltefolie wickle. Bei der Fluggesellschaft geht mein Machwerk problemlos durch.

Santiago

hat über 7 Mio Einwohner, jede Menge Verkehr und auch eine Reihe von Radwegen. Allerdings: Radfahren ist anstrengend, und bis man den besten Weg gefunden hat, muss man manchmal einige ausprobieren. Ich fahre eine Woche lang jeden Morgen zu einem Sprachkurs und auch mal zu einem Museum.

Was es sonst noch in und um die Stadt gibt:

Sehr empfehlenswert ist das Museum für Präcolumbianische Kunst in der Nähe der Plaza de Armas.

Los Dominicos ist eine Art Markt für Kusthandwerk /Souvenirs direkt an der Endstation der Metro – Linie 1. Vorteil: es ist ruhig hier und schattig.

Es gibt, wie in vielen Städten Free City Tours. Gut und mit knapp 3 1/2 Stunden sehr ausführlich.

Klar, auf dem Hügel San Christobal muss manal gewesen sein. Zum Glück fährt ein Funicular hoch.

Am Stadtrand gibt es eine Reihe von Weingütern, die Führungen und Weinproben anbieten. Meine Tochter und ich (sie ist für 4 Wochen nachgekommen! Hurrah!) entscheiden uns für Santa Rita weil es gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Per Rad wahrscheinlich auch, aber meine Tochter hat keins hier.

Das Maipo-Tal scheint die Freizeitregion schlechthin für die Hauptstadt zu sein. Mit meiner Sprachschule fahre ich zum Rafting hin. Lohnt sich!

Außerdem machen wir noch einen Ausflug nach Valparaiso. Viele schöne Wandbilder, eine Reihe schöner, alter, aber oft heruntergekommener Häuser, Pablo-Neruda-Haus, aber sonst…besonders attraktiv finde ich die Stadt nicht.

Teil 4 – Coyhaique – Caleta Tortel

Coyhaique – El Blanco

35 km, 480 Hm

Die Strecke nach Villa Cerro Castillo ist ziemlich weit und allzu viele Orte liegen nicht auf dem Weg, deshalb ist die Tour heute ziemlich schnell zu Ende, in einem kleinen Dorf am Zusammenfluss zweier kleiner Flüsse, auf einem sehr schönen Campingplatz.

Auffällig ist, wie sich die Landschaft ändert: statt des kalten, aber sehr dichten Regenwalds gibt es plötzlich Felder, Wiesen, ein paar kleine Kiefernplantagen. Tatsächlich erfahre ich am Nachmittag, dass Siedler überall hier die Urwälder abgeholzt haben, sie sich aber je nach örtlichem Mikroklima sehr unterschiedlich erholt haben. Hier also: eher schlechter. Es ist schon auf ein paar hundert Meter Höhe relativ kalt und auch sehr windig.

El Blanco – Villa Cerro Castilla

62 km, 1067 Hm

Auch wenn die Strecke nicht so lang ist, anstrengend ist sie. Es geht über weite Strecken bergauf, nur zuletzt in Serpentinen bergab. Zur Steigung gesellt sich irgendwann Gegenwind und das Absurde: über eine weite Strecke habe ich den Eindruck, dass es schon bergab geht, obwohl sowohl die Anstrengung als auch der neben der Straße fließende Bach eindeutig das Gegenteil sagen. Das macht das Vorwärtskommen schon einigermaßen frustrierend.

Cerro Castillo ist ein Dorf wie auch die anderen in der Gegend, alle sind sie nicht sehr alt, alle haben sie keinen historischen Kern, weil sie schlicht nicht viel Geschichte haben. Sensationell ist allerdings die Landschaft rund um den Ort, spitze Gipfel, Gletscher. Die Gegend ist ein Wandergebiet, wenn auch ich nicht genug Zeit habe, um noch einen Wandertag einzuschieben.

Villa Cerro Castilla – ein Campingplatz unterwegs

38 km, anscheinend 750 Hm

Der Wetterbericht verspricht heute zwar keinen Regen, zeigt aber eine tiefrote Windfahne, für mich genau von vorn. Und so ist es dann auch: ich glaube, ich bin noch nie bei einem solchen Sturm Rad gefahren. Abwarten nützt nichts: dieser Sturm war bislang an jedem einzelnen Tag vorausgesagt, an dem ich den Wetterbericht für den südlichen Teil der Carretera Austral angesehen habe. Dazu kommt, dass nach etwa 15 km der befestigte Teil der Straße zu Ende ist. Von nun an rumple ich über Schotter und Waschbrettpiste.

Immer, wenn ein Auto vorbeifährt, bin ich in Staub gehüllt. Und weil gestern meine Sonnenbrille kaputt gegangen ist, kann ich die Augen nicht schützen, sie sind noch am Abend rot.

Der eine Campingplatz, der nach 38 km kommt, ist glücklicherweise ein bisschen windgeschützt, außerdem hat er ein Haus mit Aufenthaltsraum und ist sehr nett gelegen. Es handelt sich sich um einen funktionierenden Bauernhof, überall laufen Hühner, Gänse, Enten, Ziegen, Schafe und Hunde herum, alles sehr nett.

Nach Puerto Rio Tranquillo

Um 81 km, knapp über 800 Hm

Das Windproblem lässt spürbar nach, und nach einem Teil der Strecke wechsle ich auch die Richtung. Die Waschbrettstraße, die Steigungen und vor allem der Staub nach jedem vorbeifahrenden Auto bleiben aber. Es ist jetzt schon sehr, sehr anstrengend und ich brauche mit ein paar klei en Pausen wirklich den ganzen Tag bis nach Puerto Rio Tranquillo.

Der Ort wäre eigentlich ziemlich klein, wäre er nicht ein Touristenmagnet. Es gibt hier Marmorhöhlen, die mit kleinen Booten besucht werden können.

Ich bin aber zunächst damit beschäftigt, eine Unterkunft zu finden. Ich bin nicht die einzige. Menschen mit und ohne Rucksäcken und Fahrrädern ziehen durch die Straßen und fragen überall nach Unterkünften – die fast alle voll sind. Ich lande schließlich im teuersten Hotel des Ortes,anscheinend die einzige Option mit Ausnahme eines Campingplatzes.

Puerto Rio Tranquillo

Die Fahrt steckt mir am nächsten Morgen noch in den Knochen, außerdem muss ich mich schon wieder um eine Unterkunft kümmern, auch das teuerste Hotel kann mich nicht für zwei Nächte unterbringen.

Am späten Vormittag steige ich dann in eins der Touristenboote zu den Marmorhöhlen. Die lassen sich auch per Kayak besuchen, eigentlich schöner, aber so viel Sport brauche ich gerade nicht.

Vor dem Einstieg bekommen alle lange Regenumhänge, Schwimmwesten und die Information, dass es sich schon um Abenteuertourismus handelt. Außerdem, dass der Lago General Carrera ursprünglich Chelenko hieß, und dass das „stürmisch“ bedeutet. Wir spüren dann auch gleich warum. Die Fahrt durch freies Wasser hat viel von einer Achterbahnfahrt, ständig Kribbeln im Bauch, wenn das Boot wieder eine Welle herunterfällt. Später erfahren wir, dass der Hafen kurz nach unserer Ausfahrt geschlossen wurde.

Dann wird es ruhig die Marmorhöhlen liegen geschützt – und sie sind wirklich sehr beeindruckend. Das Boot kann gerade so in die meisten Höhlen hineinfahren, vorausgesetzt, alle sitzen still und lassen den hervorragenden Bootsführer vorsichtig rangieren.

Rio Tranquillo – Cochrane

Mit dem Bus!

Das Radfahren in den Tagen zuvor war anstrengend, aber eine längere Pause ist in meiner Zeitplanung kaum drin. Also entscheide ich mich, ein Stück Bus zu fahren, und dann einen Tag gar nichts zu tun.

Mit den Bussen ist das so, dass sie meistens Fahrräder mitnehmen. Der Busfahrer entscheidet und kassiert im Zweifel einen vermutlich selbst ausgedachten Betrag für den Transport. Ob man wirklich mitkommt und ob es reicht, das Vorderrad herauszunehmen, erfährt man erst kurz vor der Abfahrt. Ich habe jedenfalls schon einen Bus in Rio Tranquillo ankommen sehen, ausgebucht bis auf den letzten Platz und der Busfahrer hatte zu tun, normales Gepäck irgendwie im Gepäckfach unterzubringen. Ich habe also Bedenken, was mein Fahrrad betrifft. Und da sehe ich morgens vor meiner Unterkunft, die Lösung: ein Auto mit einer ganzen Reihe von Fahrradhalterungen. Ich frage also, ob sie nicht mein Rad mit nach Cochrane nehmen können. Und tatsächlich, es handelt sich um einen Fahrradverleih und Fahrrad-Reiseagentur. Sie organisieren geführte und ungeführte Touren entlang der Carretera Austral und ja, sie sind bereit, mein Rad mitzunehmen. Und sie wollen dafür noch nicht einmal bezahlt werden. Da sie mit einer geführten Tour unterwegs sind, brauchen sie für die Strecke 2 Tage aber das passt ja zu meinem Wunsch nach Pause. Supernette und hilfsbereit also, die Jungs von Cicloturismo Patagonia. Mein Rad wird verladen, ein paar Sachen müssen dazu angeschraubt werden und es fährt erstmal ohne mich los.

Ich warte dann mal auf den Bus. Er soll um 12:30 fahren, die Rucksäcke sammeln sich an der Haltestelle. Gegen 13 Uhr hat jemand telefoniert. Der Bus ist liegengeblieben. So gegen 16 Uhr könnte es was werden. Man lernt langsam die anderen Wartenden kennen, ich treffe zwei Bekannte aus den ersten Tagen der Reise wieder, das Haltestellencafé macht gute Geschäfte. Um 17 Uhr kommt er dann tatsächlich, der Bus und bringt uns in den nächsten 3 Stunden unfallfrei nach Cochrane. Dort wartet schon Andrea auf mich, meine Airbnb Wirtin. Sie holt mich nicht nur mit ihrem Auto vom Busbahnhof ab, sondern versorgt mich auch gleich noch mit Abendessen und Gesellschaft.

Cochrane – ein Campingplatz unterwegs

71 km, um 900 Hm und jede Menge Waschbrettpiste

Die ersten paar km der Strecke sind tatsächlich asphaltiert! Anscheinend durch die Stadtverwaltung von Cochrane, und ich liebe sie dafür! Lange währt das Glück leider aber nicht, dann geht es wieder auf Wellblechschotter weiter. Der Anfang ist landschaftlich super, der Himmel ist blau, allzu viel Wind ist auch nicht.

Unterwegs gibt es sogar so etwas wie ein kleines Café, eine alte Frau, die Kaffee, Tee, Kakao zu Brötchen mit ihrer selbstgemachten Marmelade und Käse anbietet, wenn man sich denn den Weg zwischen ihren Ziegen hindurch zu dem kleinen Häuschen gebahnt hat.

Nach der Pause wird das Wetter dann leider schlechter und irgendwann ist er wieder da, den patagonischen Dauerregen. Der Campingplatz, an dem ich mein Zelt aufschlage, hat zum Glück Unterstände für die Zelte – bushaltestellenförmige Wellblechkonstruktionen, nicht schön, aber soso praktisch, wenn man nicht möchte, das das Zelt wie der restliche Platz über Nacht im Schlamm versinkt!

Nach Caleta Tortel

58 km, Waschbrett und sonstiges Ripio

Überraschend wird mein Zeltunterstand in der Nacht nicht überschwemmt – trockenen Fußes zum Bad zu kommen wird aber im Laufe der Nacht immer schwieriger. Morgens suche ich mir ein kleines regenfreies Zeitfenster und fahre los, weiter über holpriges Ripio. Es ist nun schon einsamer als auf den ersten paar hundert km. Dennoch, überall unterwegs gibt es Höfe mit ein paar Tieren, zwar keine Dörfer aber einzelne Häuser und Menschen findet man überall.

Gegen Mittag ein kleiner Laden, eine Frau verkauft Andenken, selbst gestrickte Mützen und Pullover, Marmelade. Daneben ist gleich eine ganze Touristengruppe angekommen, denen vorgeführt wird, wie früher Holz in Flößen den Rio Baker heruntertransportiert wurde. „Früher“ ist dabei gerade etwas mehr als zwanzig Jahre her,  erst da würde die Carretera Austral gebaut und erst seitdem gibt es überhaupt eine Transportalternative zum Fluss.

Am Nachmittag dann komme ich in Caleta Tortel an, meiner letzten Station auf dem Rad.

Caleta Tortel ist ein Ort aus Treppen und Holzbohlenwegen, nur der obere Teil hat Zugang zu einer Straße. Es gibt zwei kurze Wanderwege, außerdem werden Bootstouren angeboten.  Touristisch, aber überschaubar.

Einen der Wanderwege probiere ich aus, über den Cerro Tortel. Schöner Weg, super Aussicht, allerdings bin ich die halbe Zeit damit beschäftigt, nicht zu tief in den Morast zu waten, die andere Hälfte versuche ich (erfolglos), nicht von den Moskitos aufgegessen zu werden.