Pamir-Highway 2024

Duschanbe

Das Fahrrad kommt nachts heil in Dushanbe an, zusammen mit dem Gepäck und inclusive ein paar Sachen, die ich für einen unbekannten Radler dabeihabe – das Hostel hat mich gefragt, ob ich helfen kann. Alles viel zu schwer für mich Aber zum Glück ist immer jemand da, der mein Gepäck hierhin und dorthin hebt.

Am ersten Tag sind eigentlich bloß ein paar praktische Erledigungen geplant: Fahrrad zusammenbauen, Geld besorgen, Sim-Karte kaufen. Alles davon ist schwieriger als erwartet: am Rad sind zwei kleine Schrauben verloren gegangen, die Bremse zickt, ein Typ, der helfen will, steht gekonnt im Weg. Es ist Samstag und ein Geldautomat nach dem anderen erweist sich als leer. Ich brauche eine e-Sim und die gibt es nur in ganz bestimmten Läden, außerdem führt der Wunsch bei der Verkäuferin fast zum Herzinfarkt und zu einer ganzen Reihe von Telefonaten. Und dann die Hitze…

Irgendwann am Nachmittag ist dann doch alles geschafft, ich tausche mich noch mit ein paar Leuten im Hostel aus, die eigentlich alle Monate bis Jahre unterwegs sind („ach du fährst nur den Pamir-Highway?“ „Ich habe mit 48 aufgehört zu arbeiten, jetzt bin ich unterwegs.“)

Es sind auch mehrere Leute, die am selben Tag losfahren wollen, wie ich. Ich entscheide mich trotzdem, mich nicht sofort bei jemandem anzuschließen, gerade an den ersten Tagen will ich super-früh los wegen der Hitze und fürchte auch, dass mich diese jungen Overlander überfordern.

Duschanbe – Dusti

62 km, 620 HM rauf, etwas mehr runter, 1 Tunnel

Wie geplant starte ich früh – gegen Viertel nach 5. (Hallo Jetlag, für mich ist es eigentlich vor zwei Uhr nachts, als ich aufstehe.) Trotzdem die richtige Entscheidung, es dauert noch ein paar Tage, bis ich in der Hitze ernsthaft bergauf fahren kann. Am Anfang ist die Temperatur tatsächlich angenehm, auch die Autobahn aus Duschanbe raus ist nicht ganz so voll. Mein Weg führt erst einmal eine Hauptstraße lang, dann bergauf, dann durch einen mehrere km langen Tunnel. Im Gegensatz zum Anzob-Tunnel letztes Jahr, ist der allerdings in Ordnung: die Ventilatoren machen  einen unglaublichen Lärm, ventilieren aber und Licht gibt es auch überall. Weitere Vorteil: im Tunnel geht es für mich bergab.

Kurz vor diesem Tunnel stelle ich noch fest, dass mein Licht nicht funktioniert. Glücklicherweise lässt sich das schnell beheben. Und ein williger Helfer kommt auch erst, als ich praktisch fertig bin. Er hat also keine Chance, im Weg zu stehen.

Hinter dem Tunnel geht es dann die ganzen vielen schönen Höhenmeter wieder herunter. Schade. Aber sowohl die Berge, als auch der örtliche Fluss – der Vahsh sind wirklich schön.

Kurz nach Mittag reicht es mir dann. Ich biege ab, opfere weitere Höhenmeter und miete mich in einem recht teuren  Ressort-Hotel am Fluss ein. Ist ja der erste Tag, da darf man das. Theoretisch gibt es hier eine ganze Menge Pools.  Frauen sieht man darin allerdings nicht, ausschließlich Jungs.

Dusti – Kuybulyon

73 km, 943 Hm bergauf, 1005 bergab, sagt Osmand

Nurek-Staudamm

Wieder fahre ich extrem früh los. Meine Bekannten aus Dushanbe hole ich trotzdem nicht ein,, auch andere Touristen treffe ich nicht. 

Die Steigungen fallen mir ganz schön schwer, es geht gleich morgens steil bergauf, dann kommt  irgendwann wieder durch ein langer Tunnel (2200 Meter, dieses Mal leider etwas bergauf). Hinterher gibt es eine fantastische Aussicht auf das Nurek Reservoir. 

Hier oben, Nähe an einem Aussichtspunkt, hat sich ein ganzer Markt angesiedelt, Stände mit Essen und Sitzpläzen über dem Reservoir, Stände, die zum Beispiel getrocknete Früchte verkaufen. Ich gehe einmal die ganze Reihe entlang. An allen Essensständen kocht in etwa die gleiche Suppe, die ich zunächst nicht zuordnen kann, die aber nicht sehr appetitlich aussieht. Trotzdem setze ich mich an einen Platz, bestelle Tee und bekomme gleich zwei Schalen mit unterschiedlichen Suppen hingestellt, ausserdem Brot und vergorene Milch, die in eine der Suppen soll. Ein Mann, anscheinend auch einen Gast, sagt mir, dass alles auf seine Rechnung geht. Er hat offenbar bestellt, bezahlt und verschwindet kurz danach. Die eine Suppe enthält Nudeln und ein bisschen Gemüse, die andere Suppe ist Kuttelsuppe und damit eines der wenigen Dinge, die ich absolut nicht essen kann. Schade. 

Es bleibt aber nicht das einzige mal heute, was ich kaufen möchte und nicht bezahlen darf. Es geht weiter mit frischgebackenem Brot in der nächsten Stadt. Ich bestelle zwei Fladenbrote und bekomme drei, Geld will die Verkäuferin auf keinen Fall. Wasser, in einem kleinen Laden  bezahlt ein zufällig neben mir stehender Mann für mich und verschwindet. Eine Honigmelone darf ich ebenfalls nicht bezahlen. Den Tee, den ich in einem Café trinke, bekomme ich auch kostenlos. Und ja, ich habe ganz sicher immer mehrmals nachgefragt. Und ja, ich hatte den Eindruck, dass das ernst gemeint war, immer. 

Abends möchte ich Zelten und folge den Empfehlungen einer meiner Apps. Der Platz ist wirklich schön, eine große flache Ebene, umgeben von Hügeln mit einem kleinen Bach. Ich sitze eine ganze Weile da, ohne dass sich auch nur von weitem jemand blicken lässt.

Die Nacht wird dennoch katastrophal: noch am Abend beginnt ein heftiges Gewitter, Sturm, Hagel, Weltuntergang. Die Zeltwände biegen sich gefährlich. Der erste Regen lässt nach, der zweite beginnt, lässt wieder nach, ich beginne, mich zu entspannen. Bis ich merke, dass das Zelt im fließenden Wasser steht. Ich muss weg. Irgendwie gelingt es mir mit nur einem Schuh am Fuß – der andere ist irgendwo im Wasser – erst ei paar Sachen, dann das Zelt mit fast allem Übrigen auf die einzige mögliche erhöhte Stelle – einen Fahrweg an einem Hügel – zu bringen. Ein paar Heringe fehlen am Ende, mit den übrigen befestige ich das Zelt so gut wie möglich. Dann verbringe ich mehrere Stunden damit, mich vor einem neuen Sturm zu fürchten – so mit fehlenden Heringen und so. Schlafen kann ich kaum. 

Kuybulyon – Kulob

65 km, 448 Hm aufwärts, ähnlich viel abwärts

Nach einer Nacht mit sehr wenig Schlaf bin ich nicht unbedingt fit. Die 35°c machen das nicht besser. Und so bin ich ausgesprochen froh, als ich gegen 14 Uhr in Kulob ankomme. Ich mache noch ein paar Besorgungen, der Manager meines Hotels bastelt mir Ersatzheringe  für die verlorenen. Außerdem wäscht er (ungefragt) am Abend mein gesamtes, komplett schlammiges Zelt.

Kulob – Shuroobod

Ganze 31 km, aber 1384 Höhenmeter, bergauf versteht sich.

Ich schiebe gute Teile dieser Strecke bergauf – mit meiner Fitness ist es nicht weit her. Zum Glück wird es wegen der zunehmenden Höhe zumindest nicht ganz so heiß.

Während bislang die Straße ziemlich stark befahren war, bekomme ich heute eine riesig breite Sahne-Asphalt Strasse mit sehr wenig Verkehr. Ich vermute, eine chinesische Firma hat gebaut, wie an ganz vielen Orten hier. Alles sieht extrem professionell und etwas überdimensioniert aus.

Google Maps schreibt“Tourist Attraction“

Shuroobod – Khostav

91 km, Osmand behauptet 2300 Hm aufwärts und 3185 abwärts, das ist aber Quatsch. Google contert mit 1119 und 2169 m. Dürfte näher an der Wahrheit sein.

Die Landschaft ist von Anfang an beeindruckend, rote Felswände, steile Haarnadelkurven (abwärts yippie!) Dann ist erstmals der Panj zu sehen, der Grenzfluss mit Afghanistan, an dem ich jetzt entlang fahren werde. Die Straße führt eine durch eine Schlucht, links und rechts ragen hohe Berge auf. Und, soweit hat Osmand Recht: immer auf und ab.

Regelmäßig patrouillieren Gruppen von Soldaten die Straße entlang, roter Stern auf der Mütze, Kalaschnikow (soweit ich beurteilen kann) über der Schulter. Als ich mich zur Frühstückspause unter einen Baum rechts von der Straße setze – also auf die Seite in Richtung Afghanistan, kommt eine Gruppe und erklärt mir, dass da Taliban sind, ob ich das denn weiß? Tue ich und verspreche, mich nur etwas auszuruhen. Bin nicht sicher, worin die Gefahr dieser Straßenseite besteht. Werde nächstes Mal versuchen, zu fragen.

Khostav – Kalai Khumb

50 km, 550 Hm

Nach wie vor fahre ich auf asphaltierter Straße durch beeindruckende Landschaft – und bin gegen Mittag in Kalai Khumb, einer netten Kleinstadt mit Supermarkt, Geldautomaten, Restaurants und vielen Pensionen. Hier trifft man tatsächlich auch zahlreiche Touristen – auch die Jeeps machen hier halt. Außerdem Radfahrer aus der anderen Richtung, Wanderer, Tramper.

Als ich mich am frühen Nachmittag in meinem Zimmer ausruhe (Guesthouse Roma, empfehlenswert!), klopft mein Wirt: eine (weitgehend) australische Gruppe, mit der ich schon zuvor in Kontakt war, ist angekommen und hat nach mir gefragt! Wir gehen essen, ich spaziere durch die Stadt und ruhe mich aus.

Kalai Khumb – Dashtag

80 schwierige Kilometer

Mit der australischen Gruppe mitzuhalten, ist hoffnungslos. Ich hole sie aber bei Pausen immer wieder ein.

Ich war vor der heutigen Strecke schon gewarnt worden: extrem staubig, wurde gesagt, außerdem Bauarbeiten, unvorhersehbare Sperrungen, Steinschlaggefahr. Ich habe schon über ein Taxi oder ähnliches für die Strecke bis Khorugh nachgedacht. Was mich letztlich davon abhält, ein Auto zu suchen, ist ein dänisches Paar, das den ganzen Tag versucht hat, eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern (durchaus auch gegen relevante Geldsummen) und gescheitert ist. Also Fahrrad, Staub, zwei Stunden warten auf Bauarbeiten mehr Staub, wieder eine Sperrung. Immerhin, bei der ersten Sperrung haben wir einen sehr schönen Platz erwischt: Schatten, Wasser, und dann werden wir noch von einer tadschikische Familie eingeladen zu Tee, Hähnchen, hart gekochten Eiern.

Die letzten 13 km nach der zweiten Sperrung schaffe ich gerade so in der Dämmerung, meine zeitweilige Gruppe hat einen wirklich schönen Zeltplatz gefunden, ich stelle mein Zelt dazu. Schnell etwas essen, dann falle ich auf die Isomatte.

Dashtag – Rushon

26 km Fahrrad, 64 km LKW

Was für ein Tag! Wir haben ausgemacht, um 5:30 Uhr loszufahren. Vielleicht gibt es ja dann eine Chance, durch die Strassensperrungen besser durchzukommen. Etwas später wird es natürlich, aber wir sitzen vor 6 Uhr auf den Rädern. Und gegen 8:30 Uhr ist es dann tatsächlich vorbei. Durch die erste Absperrung diskutieren wir uns noch durch, aber kurz danach sehen wir, wie durch Sprengarbeiten riesige Steine den Berg herunterfallen. Nein, da müssen wir dann auch nicht durch. Wir legen Planen aus, machen Frühstück, kochen Tee. Leider haben wir bei weitem nicht genug Wasser dabei. Aber zum Glück kommen andere Touristen vorbei, mit jedem wird ein bisschen gequatscht. Dabei ist auch eine Gruppe aus Korea, die tatsächlich Wasser für die ganze Woche im Auto hat und uns eine ganze Packung mit sechs Litern abtritt. Soweit eigentlich alles ganz entspannt. Aber wir sitzen auf dieser Strasse glatte 4 Stunden fest. In der Zeit bewegt sich natürlich langsam die Sonne hinter dem Berg hervor, irgendwann ist unser Lager in der knallenden Hitze. Zum Glück überlässt mir ein Schweizer seinen Campingsitz im Autoschatten.

Dann geht es endlich weiter. Die Australier möchten sich jetzt beeilen, wir sind nicht sicher, ob es weitere Sperrungen gibt. Außerdem sagen sie, dass sie so weit wie möglich kommen wollen, um endlich weg von dieser Straße zu sein. Da komme ich dann nicht mit. Ich quäle mich noch eine Weile über die fürchterliche Straße durch die Hitze, dann reicht es. Als ein LKW kommt, halte ich vorsichtig die Hand raus. Der Wagen hält sofort an, mein Rad wir auf der Ladefläche festgezurrt, die Taschen landen darunter und es geht weiter. Fast genauso langsam wie auf dem Rad übrigens, auch der Laster muss durch die Schlaglöcher. Der Fahrer erzählt, dass er die Strecke regelmäßig fährt, über den Kulma-Pass nach China, Ware aufladen, zurück. Es scheint wirklich keine bessere Möglichkeit zu geben! Im übrigen erzählt er mir ein paar Mal zu oft, dass ich meinen Kindern doch sagen soll, sie mögen endlich Kinder bekommen! Mindestens 5!

Bezahlen soll ich für die Fahrt übrigens nicht, obwohl das in Tadshikistan eigentlich üblich ist. Stattdessen werde ich unterwegs zum Essen eingeladen.

Zwangspause – der Berg wird gesprengt..

Rushon – Khorugh

68 km inclusive des langen Wegs zum Hostel

Wie die Straße nach Khorugh ist?, frage ich morgens meinen Wirt. „Normalno“, antwortet der, also gut. Ich bin mittlerweile auf 2000 m Höhe angekommen und traue mich, „erst“ um 6 Uhr morgens zu frühstücken. Etwas angenehmer muss es in dieser Höhe ja sein.

Tatsächlich hat die Straße zwar schwierige Stellen, ist aber wirklich deutlich besser als an den letzten Tagen. Und die Temperatur ist morgens fast ein bisschen kühl. Das ändert sich dann im Laufe der Zeit doch wieder. Ansonsten: neben mir an der Grenze zu Afghanistan öffnet sich eine Ebene, in der sich der Panj nun in mehreren Armen schlängelt.

Als ich Nähe am Fluss sitze, kommen wieder ein paar Soldaten. Dieses Mal wollen sie mich aber nicht vertreiben, sondern sind nur neugierig. Wundern sich, was eine Frau in meinem Alter da macht. Wozu ich das brauche? Tja…

Am frühen Nachmittag bin ich in Khorugh, der letzten Stadt, bevor es schwierig wird mit einkaufen und unmöglich, an neues Geld zu kommen.  Ich gehe in „das“ angebliche Backpacker Hostel. Andere Radfahrer finde ich hier aber nicht. Obwohl doch alle sagen, dass sie dauernd welche sehen. Dafür treffe ich in der Stadt einige Touristen, finde nach einigem Suchen einen vernünftigen Supermarkt und decke mich auf dem Markt mit Trockenfrüchten und Nüssen ein.

Khorugh – Abch

78 km, laut Osmand 1183 Höhenmeter rauf und 883 wieder runter – es bleibt holprig

Trotz des ständigen Auf und Abs bewege ich mich insgesamt schneckenartig langsam nach oben, momentan bin ich auf 2440 m und hier ist es noch immer ganz schön heiß. Das bedeutet entweder kurze Strecken oder aber lange Mittagspausen und danach die Hoffnung, noch im Hellen irgendwo anzukommen. Heute letzteres. Mittags finde ich ein kleines Café/Laden mit Terrasse, wo ich mich stundenlang aufhalte. Nach einer Weile kommt ein Paar dazu, das die Tour auf einem Tandem macht. Meine Güte, sind die schnell!

Am Abend immerhin treffe ich sie wieder in einem kleinen Hotel neben einer heißen Quelle. Dort gehen wir dann auch noch gemeinsam hin. Eine Mitarbeiterin des Hotels kommt kurzerhand mit. Es handelt sich um eine Quelle, die in einem Gebäude durch ein ziemlich unscheinbares Wasserbecken fließt, in dem schon ungefähr 10 splitterfasernackte Frauen sitzen. Davor gibt es lediglich einen Umkleideraum mit ein paar Haken an der Wand. Die Chance, meine super-schmutzigen Füße (ich radle bislang in Sandalen) zuerst einmal abzuwaschen, habe ich nicht. Zum Glück fließt das Wasser einigermaßen schnell durch das Becken. Entgegen meine Befürchtung hat es auch eine angenehme Temperatur. Wenn man länger drin sitzt, wird es sogar ein bisschen kühl.

Abch – Qah-qaha-Festung

41 km, 366 Hm

Nach dem langen Tag gestern wird der heutige deutlich kürzer. Nicht dass die Rumpelstrecke nicht trotzdem anstrengend wäre. Trotzdem schaffe ich es, nach einer ausführlichen Frühstückspause gegen Mittag zu einer Unterkunft. Es ist das erste klassische Homestay auf meiner Reise. Es gibt einen Raum für Gäste, in dem Schlafmatten ausgelegt sind. Ein europäisches Bad ist gebaut, es funktioniert aber nicht, weil im Winter die Leitungen eingefroren sind. Stattdessen wird in einem riesigen Behälter Wasser heiss gemacht und mit einer Art Wasserhahn in einem kleinen Raum geduscht. Die Toilette ist hat eine Spülung. Das bedeutet, man hockt in einem kleinen Häuschen mit Afghanistan-Blick weit über einem kleinen Bach. Der Weg dorthin führt über Bretter, die auf alten Moskvich-Karossen liegen.

Afghanistan -Blick vom Klo
Dusche

Fast direkt neben meinem Homestay gibt es eine alte Festung. Sie steht eindrucksvoll auf einem hohen Felsen und soll aus dem vierten Jahrhundert stammen. Viele Details sind nicht zu erkennen, Informationen sind auch spärlich, aber es ist ein eindrucksvoller Ort.

Qah-qaha-Festung- Bibi Fatima Hot spring

58 km, 880 Hm

Unterwegs freue ich mich über jedes bisschen der Strecke, das nicht aus großsteinigem Schotter oder Waschbrettpiste besteht. Oder wo es Schatten gibt. Dazwischen knallt die Sonne ganz schön. Am Ende muss ich mein Rad noch weit den Berg rauf in Richtung der örtlichen Festung und der Bibi Fatima Quelle schieben – selbst das erste Homestay auf dem Weg ist weit oben. Dann muss ich mich erst einmal ausruhen, bevor ich mich auf den Weg zur heißen Quelle mache, die noch mehrere hundert Höhenmeter weiter oben liegt – der erste Ausflug in mehr als 3000 m Höhe. Zum Glück muss ich nicht ganz zu fuß gehen – unterwegs hält eine russische Reisegruppe an und nimmt mich mit.

Die Quelle ist dieses Mal zwar mit einem Gebäude umbaut, innen findet sich aber eine fast märchenhafte Felsengrotte, die den Ruf hat, die Fruchtbarkeit von Frauen zu erhöhen.

Das Wasser ist ziemlich heiß und als ich nach dem anstrengenden Tag herauskomme, bin ich plötzlich ganz schön geschafft. Zum Glück nimmt mich die Gruppe nach ein paar Fotos vor der Festung wieder mit hinunter zu meiner Unterkunft.

Bibi Fatima Hotsprings – Langar

43 km, 900 Hm bergauf

Die Waschbrettpiste hört nicht auf, zur Abwechslung gibt es an ein paar Stellen aber weichen Sand. Und ein kleines bisschen Asphalt.

Seit Tagen fragen mich Einheimische, wann ich denn wohl in Langar sei. Der Ort sieht auf der Karte nicht groß aus, hat aber mehrere Unterkünfte und ein Museum. Na, da sieht doch nach etwas Infrastruktur aus, denke ich mir und fahre ziemlich achtlos durch Wrang, einen Ort mit immerhin einem Lebensmittelgeschäft und einem Mobilfunkladen durch. Das bereue ich kurz danach. Ja, Langar ist flächenmäßig nicht klein. Aber es besteht aus weit voneinander entfernt stehenden Häusern, mein Anbieter jedenfalls hat keinerlei Internet, ein oder zwei Läden gibt es, sie haben aber absolut nichts was für mich interessant wäre. Unter anderem gibt es keinen Kühlschrank im Laden und damit auch nichts Frisches. Ein paar Nudeln und Süßkram kann man kaufen, die habe ich aber schon dabei. Strom gibt es den größten Teil des Tages nicht. Meine Wirtin sagt, das liegt daran, dass Strommasten ausgetauscht würden, aber es scheint alles in allem ein ziemlich gewohnter Zustand zu sein. Trotzdem geben sich die Gastgeber viel Mühe damit, westlichen Touristen ein paar Annehmlichkeiten zur Verfügung zu stellen: eine richtige Dusche und westliche Toilette, Stühle und einen Tisch, Betten statt Schlafmatten (an die kann man sich gewöhnen, aber sie sind schon sehr dünn).

Langar – Murgab (mit Auto!)

Fast 250 km mit Taxi und LKW

Locals sagen, bis hierher war die Straße gut, ab jetzt wird sie sehr steil und schlecht und vor allem: einsam. Auf den nächsten 100 km gibt es keine Siedlungen, so gut wie keine Autos, keine Mobilfunkverbindung, im zweiten Teil auch kein Trinkwasser. Für eine Solo – Tour ist mir das alles ein bisschen viel. Außerdem taucht in Langar Nico auf, den ich schon in Bibi Fatima kennengelernt habe. Auch er ist auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit bis Murgab. Also treffen wir uns morgens um halb sieben an meiner Unterkunft. Zwei Stunden später ist noch kein Auto in unsere Richtung gefahren und wir beschließen, mit einem der möglichen „Taxis“ (jedes Auto ist ein Taxi!) zu verhandeln. Für um die 100 Euro für uns beide geht es los. Was wir nicht wissen: das Auto steht kurz vor dem Zusammenbruch. Nach den ersten paar Kilometern der erste Stopp. Das Auto verliert Kühlwasser, was noch da ist, hat eine Temperatur weit oberhalb des Toleranzbereichs. Warten, abkühlen lassen, Wasser nachfüllen, weiter. Der Weg ist extrem holprig, erstaunlich, wenn irgend ein Fahrzeug das schafft. Dann das selbe Spiel, anhalten, warten, Kühlwasser einfüllen. Übrigens hat das Auto auch keinen funktionierenden Akku. Der Fahrer hält immer am Hang an und lässt den Wagen vorwärts oder rückwärts rollen, um ihn zu starten. Wir denken derweil darüber nach, ob wir darauf bestehen sollen, umzukehren. Mit Auto im Nirgendwo zu stranden, ist schließlich nicht besser als mit dem Fahrrad.

Am Ende haben wir jede Menge Fotos mit kaputtem Auto vor spektakulärer Landschaft und es tatsächlich bis zur Hauptstraße geschafft.

Dort dauert es zwar eine Weile, bis der erste LKW vorbeikommt, der nimmt uns aber sofort mit nach Murgab (dass ich dorthin mitfahre, ist Faulheit, über die spektakuläre, einsame Hochebene dorthin könnte ich auch wieder radeln. Aber hey, ich habe Urlaub!)

Murgab

Murgab ist ein größeres Dorf, das aus geduckten kleinen Häusern und dem berühmten Containermarkt besteht. Die Leninstatue am Dorfeingang habe ich nicht gesehen (war schon dunkel, als wir wohl daran vorbeifuhren), außerdem gibt es eine Art Platz mit so etwas wie einem Denkmal – wofür auch immer. Nichts, also gar nichts Attraktives auf den ersten Blick. Trotzdem bleibe ich drei ganze Nächte, um mich auszuruhen und an die Höhe zu gewöhnen, bevor es an den höchsten Pass der ganzen Reise geht, den Ak Baital.

Und siehe da, das Dorf wird sympatisch. Es ist ruhig hier, abgesehen von den Kindern, die einen auch hier überall mit einem lauten „hello!“ begrüßen, es gibt da mehrere durchaus nette kleine Restaurants, auf dem Containermarkt geht es ruhiger zu als man meinen sollte, dennoch finden sich eine Menge Dinge, wenn man sucht. Ich beispielsweise kaufe mir ein komplett albernes dunkelblaues Shirt mit aufgestickten Perlen, weil ich dringend ein dünnes, langärmliges Oberteil brauche, um in der Sonne nicht komplett zu verbrennen.

Tworog-Herstellung
Eiscafé

Von Bukhara nach Dushanbe: Usbekistan und Tadschikistan im Frühjahr 2023

Solo- Radtour von Bukhara über Samarkand und das Fan-Gebirge nach Dushanbe im April 2023: gastfreundliche Menschen, spektakuläre Sehenswürdigkeien, das Fan-Gebirge und ein Tunnel.

Bukhara

6.4.- 8.4.2023

Wie immer fängt die Reise damit an, das Fahrrad durch einen Flug zu bugsieren. Ich hasse es! Dieses Mal kommt erschwerend hinzu, dass ich zwei Flüge mit zwei verschiedenen Tickets habe. Ich muss also mein wohlverpacktes Fahrrad in Istanbul abholen, durch alle Kontrollen schieben, die Abflughalle suchen, das Fahrrad und das Gepäck wieder einchecken und selbst wieder durch die Sicherheitskontrolle. Ganz schön aufwendig! Und auch einigermaßen anstrengend. Aber was soll ich sagen, ich habe Glück, kein Flug hat Verspätung und alle Flughäfen gehen pfleglich mit der Fahrradkiste um. Gegen 9 Uhr abends kann ich sie in Bukhara entgegennehmen, muss mich aber beinahe mit ein paar älteren Frauen um einen Trolli kloppen. Der Einfachheit halber nehme ich samt Fahrradkiste ein Taxi zu meinem Hotel und packe erst am nächsten Morgen aus.

Ich besichtige, was es in Bukhara zu besichtigen gibt: eine alte Festung, Moscheen, Medressen, Caravansereien, die Altstadt, ein Mausoleum. Es ist ein beeindruckend großes und gut erhaltenes oder auch restauriertes Ensemble von alten Gemäuern. Natürlich sind auch jede Menge anderer Touristen da, die meisten von ihnen auf Gruppenreisen. Überall hört man Guides in allen erdenklichen europäischen Sprachen erklären, was gerade zu sehen ist.

Natürlich versuche ich vom ersten Moment an, an Geld zu kommen. Am Flughafen funktioniert der Bankautomat nicht, aber immerhin kann ich ein paar Euro tauschen. Am nächsten morgen ziehe ich durch die halbe Stadt und probiere sämtliche Automaten, die mir begegnen, aus. Das sind ganz schön viele! Leider will mir keiner von ihnen Geld geben. Als ich die zweite Kreditkarte ausprobiere, behaupten zwei Automaten, dass ich die PIN nicht richtig eingegeben habe, obwohl ich sehr sicher bin, dass sie stimmt. Ich werde ernsthaft nervös. Zwar habe ich noch einiges an Euro in bar dabei, die ich umtauschen kann, aber es reicht definitiv nicht für drei Wochen Urlaub.

Ich schreibe eine Mail an meine Bank und tatsächlich kommt schnell Antwort: ich habe nach einem ersten Automaten, der wohl wirklich nicht funktionierte, wieder und wieder versucht die höchste Sommer abzuheben, die die Automaten freiwillig angeboten haben. Leider ist das weniger als die Mindestsumme, die meine Bank für eine Auszahlung vorschreibt. Darauf muss man erstmal kommen! Mit einer höheren Summe spuckt ein Automat anstandslos Geld aus. Uff!

Ein Palast, Staub und Schlaglöcher

Bukhara – Qiziltepe, 9.4.2023

Ich besichtige auf dem Weg in Richtung Qiziltepe noch den Sommerpalast des letzten Emirs. Eine sehr schöne Parkanlage, drei Gebäude mit einer Mischung auf russischem Kitsch und traditionellen usbekischem Stil, jede Menge Touristen und Souvenirverkäufer. Viele Sachen sind eigentlich sehr schön, man könnte sich durchaus einen Koffer damit füllen. Auf meinem Fahrrad habe ich aber natürlich keinen Koffer, also lasse ich auch das Einkaufen sein.

Danach entscheide ich mich für ein Gewirr aus kleinen Straßen in Richtung der nächsten Stadt, Qiziltepe. Die Straße ist ab und zu besser als gedacht, manchmal aber auch miserabel. Es bläst ein kräftiger Gegenwind, je nach Straßenbelag pusten mir Unmengen Sand ins Gesicht.

In den kleinen Orten und auf der Straße bin ich natürlich eine Attraktion. Viele Autofahrer hupen oder winken. Einmal ruft mich eine Frauengruppe zurück, um ein Selfie mit mir zu machen. Kinder versuchen, mich laufend oder auf kleinen Rädern einzuholen, lassen sich abklatschen, rufen laut „hello“. Als ich Pause mache, setzt sich sofort ein älterer Mann, ein Taxifahrer zu mir und fragt mich aus. Anscheinend ist es immerhin in meinem Alter keine Frage mehr, ob ich verheiratet bin. Dafür gibt er sich erstaunt, dass meine 26-Jährige Tochter noch nicht verheiratet ist.

Leider bin ich nach dem Winter noch sehr unfit. Der Gegenwind und die schlechten Straßen tun ein Übriges. Als ich nach gerade einmal 62 km in der nächsten Stadt ankomme, bin ich völlig k.o. ich hoffe bloß, dass es in den nächsten Tagen besser läuft.

Am Rand der Wüste

Qiziltepa – Navoiy, 68 km, 10.4.2023

Irgendetwas vergisst man ja immer, wenn man in den Urlaub fährt. Dieses mal ist es eine Gepäckspinne, mit der ich meinen Rucksack auf dem gepäckträger befestigen könnte. Ganz schön blöd. wenn ich den Rucksack auf den Schultern habe, bekomme ich sofort Schulterschmerzen, ganz egal wie leicht er ist. Ein Laden, in dem ich nachfrage, schickt mich zum Markt. Der ist riesig. Ich glaube, es gibt dort wirklich alles. Also alles, außer meiner Spinne. Als Ersatz kaufe ich zwei Meter Band. Das ist zwar unpraktisch, wird aber wohl gehen.

Der Wind hat heute gedreht, ich habe jetzt Rückenwind außerdem habe ich eine Straße ausgesucht, die sich als gut asphaltiert und mit erträglichem Verkehr herausstellt. Gelegentlich berührt sie den Rand der Wüste, aber meistens führt sie durch Siedlungsgebiet und zwischen landwirtschaftlichen Flächen hindurch, die gerade intensiv bewässert werden.

Mein heutiges Ziel Navoiy ist vor allem weitläufig, was auf der Karte nach zwei Wohnblöcken aussieht, stellt sich als zwei Kilometer weite Strecke zwischen sozialistischen Monsterstraßen hindurch heraus. Ansonsten finde ich auch hier sofort einen riesigen Markt, schlendere ein bisschen drüber, kaufe kleine Mengen Äpfel und Käse, bevor ich mich auf die Suche nach einem vernünftigen Restaurant mache. Allerdings, so richtig überzeugend ist das Essen hier selten…

Der lange Weg nach Samarkand

Navoiy – Kattakurgan, 97 km und ich bin noch nicht da – 11.4.2023

Ich habe die Wahl zwischen 85 km Autobahn und 95 km kleiner Straßen von deren Qualität ich keine Ahnung habe. Am Ende werden es 97 km aus einer Mischung von beidem wobei bei der Strecke auch die Schlangenlinien um Schlaglöcher herum zu Buche schlagen. Dabei will ich mich nicht wirklich beschweren, die kleinen Straßen sind tatsächlich viel besser, als ich sie mehr aufgrund von Internetbeschreibungen vorgestellt habe. Es gibt durchaus lange Abschnitte mit gutem Asphalt auf ruhigen Straßen. Es gibt aber eben auch staubige Buckelpisten. Na und dass die Autobahn keinen Spaß macht, ist klar.

Landschaftlich sind das einzig Interessante heute die in der Ferne auf beiden Seiten zu sehenden Gebirgszüge. Scheint eine Drohung damit zu sein was später auf mich zukommt.

Abgasuntersuchung jetzt!

Kattakurgan – Samarkand, 80 km, 12.4.2023

Ich muss eine relativ große Straße nehmen, um einigermaßen zügig vorwärts zu kommen. In Kattakurgan ist ab Mittag Sturm angesagt, und zwar entgegen meiner Fahrtrichtung. Außerdem 33 °C im Schatten. In Samarkand soll das Wetter deutlich besser sein – und ist es dann tatsächlich auch. Es ist also nicht der Tag, um herauszufinden ob man auf einer deutlich längeren Strecke quer durch Dörfer und über Felder auch einmal Asphalt zu sehen bekommt. Der erste Teil der Strecke funktioniert noch einigermaßen. Der Verkehr ist erträglich, mehrmals werde ich angehalten, und um Selfies gebeten. Dafür bekomme ich dann kleine Käsekügelchen, die hier an der Straße verkauft werden, geschenkt.

Die zweite Hälfte der Strecke ist ziemlich furchtbar: jede Menge Verkehr, Autofahrer die mich nicht auf ihrer Fahrbahn wollen und jede Menge Abgase.  Warum zum Teufel vernebelt man Benzin, wenn man es auch verbrennen könnte? Und nein, meistens sind es keine uralten Zweitakter, sondern moderne japanische oder chinesische Autos.

Wenn ich mir also etwas wünschen darf, hätte ich gerne eine regelmäßige verpflichtende Abgasuntersuchung überall. Bitte!

Wobei abgesehen von den Abgasen auch ständig etwas verbrannt wird – landwirtschaftliche Abfälle zum Beispiel. Und staubig ist es sowieso. Wenn dann auch noch 30° im Schatten sind, ist das Radfahren echt nicht ganz einfach. Aber immerhin, am Nachmittag bin ich in Samarkand, die Besichtigung verschiebe ich auf morgen.

Samarkand

12.4. – 15.4.2023

finde ich schön genug, um drei Nächte zu bleiben. Das Wetter ist daran allerdings auch nicht ganz unschuldig, es sind um die 34 Grad, schon jetzt im April, also nicht unbedingt mein Fahrradwetter.

Der Reiseführer behauptete, dass Samarkand etwas disneyfiziert worden sei, durch die Einrichtung von Fußgängerzonen und die Sperrung von Straßen im historischen Zentrum. Ich fand das nach der Strecke auf der Autobahn super, diese Ruhe!

Und war ich natürlich zwei Tage auf Besichtigungstour, Moscheen, Medressen, Mausoleen und ein Observatorium aus dem beginnenden 15 Jahrhundert.

Die eigentliche Altstadt ist unspektakulär aber hübsch und sehr ruhig, die Straßen sind zu eng und klein dass sich Autos kaum durchzwängen können.

Tadschikistan!

80 km, 15.4.

Ich entscheide mich für die von Osmand vorgeschlagenen klein Straßen südlich der Hauptstraße . Das bringt mir 20 km mehr ein als nötig, außerdem natürlich rumpelige Abschnitte, aber die Entscheidung ist richtig. Auf dem größten Teil der Strecke sind die Straßen vollkommen in Ordnung und wenig befahren.

Am frühen Nachmittag bin ich an der tadschikischen Grenze in der Nähe von Pandjakent. Es ist sehr ruhig hier, grade einmal ein paar Leute sehe ich die Grenze überqueren. Die Menschen sehen noch traditioneller aus als in Usbekistan ich fühle mich mit meinem kurzärmligen T-Shirt schon etwas fehl am Platz.

Die Grenzkontrollen laufen schnell und unproblematisch. Niemand möchte mein Gepäck sehen, niemand interessiert sich für die gewissenhaft gesammelten Registrierungen aus Usbekistan, ich muss lediglich ein paar mal den Pass vorzeigen und der tadschikische Beamte schaut erst einmal nach, ob ich wirklich ohne Visum einreisen darf. Ich darf.

Zerafshan-Tal

Pandjakent – Ayni, 100 km, Osmand behauptet 1350 Höhenmeter, 16-17.4.2023

Das Tal beginnt weit, links und rechts der Straße Felder und Obstplantagen, die wunderbar asphaltierte Straße führt sanft bergauf.

Im Laufe des Tages wird das Tal enger, die Berge rücken näher, die Schlucht neben der Straße wird tiefer und die Landschaft spektakulärer. Leider wird es auch immer anstrengender. Gegen Ende muss ich mich sogar beeilen, vor Anbruch der Dunkelheit anzukommen.

Grund genug , gleich noch einmal einen Tag Pause einzulegen, an dem ich nur etwas spazieren gehe und einkaufe.

Iskanderkul

Ayni – Iskanderkul, 53 km, laut Osmand 1551 Hm bergauf, 18.-21.4.2023

Es geht ein beeindruckendes Flusstal entlang, bis zu dem netten kleinen Städtchen Sarvoda, wo ich mich auf dem Markt mit Obst , Gurken und Brot eindecke. Ganz sicher bin ich nämlich nicht, dass ich an meinem Ziel genug zu essen finde.

Eine kleinere Straße zweigt in Richtung Iskanderkul ab. sie wellt eine Zeit lang vor sich hin mit immer häufigeren und längeren Steigungen. Dann wird sie noch steiler. Und noch steiler. Von den letzten 8 km schiebe ich größere Teile, bevor ich endlich einen türkisfarbenen Schimmer sehe – der Iskanderkul-See. Er sieht aus wie auf den Fotos, türkisblau und in dieser Jahreszeit von einer Mischung aus rötlichen und schneebedeckten Bergen umgeben – ein Traum.

Die Unterkünfte sind erst teilweise geöffnet, einen Laden gibt es tatsächlich nur in einem Dorf, das 7 km entfernt und höher liegt. Dafür ist es wunderbar ruhig. Das Partyvolk aus Dushanbe kommt erst, wenn es wärmer ist, die meisten Touristen auch. Ich gehe eher spazieren, aber die Gegend ist auch ideal für längere Wanderungen – Wegweiser gibt es allerdings keine.

Richtung Anzob-Tunnel

44 km, 1060 Hm aufwärts, 878 Hm abwärts. 21.4.2023

Nach drei Nächten am traumhaften Iskanderkul breche ich wieder auf. Ich hätte wohl länger bleiben sollen. Zu spät.

Der Weg bergab zur Hauptstraße ist anstrengend, die Straße ist ziemlich schlecht und sehr steil. An der Hauptstraße angelangt wird es erst einmal besser – hier liegt wunderbarer Asphalt. Aber klar, es geht wieder nach oben.

Landschaftlich macht die Strecke Spaß, sie führt weiter die tiefe Schlucht hinauf. Weiter oben allerdings stört der Bergbau das Bild: soweit ich erkenne sind es chinesische Unternehmen, die hier einen Steinkohle-Tagebau betreiben und andere Bodenschätze abbauen (Google translate übersetzt „Antimon“).

Irgendwann am Nachmittag rufen mich ein paar Leute zu sich und bieten mir Tee an. Ich nehme das Angebot an. Von da an sitze ich in einer winzigen Hütte, und habe ständig etwas zu essen vor mir stehen. Mir wird auch sofort angeboten, zu übernachten. Ich frage, ob ich auf der Wiese vor der Hütte mein Zelt aufschlagen kann. Darf ich. Im Wesentlichen lebt in der Hütte nur im Sommer eine Frau mit ihrem Mann, der aber bald über Nacht arbeiten geht. Sie erzählen, dass sie den Winter im tiefer gelegenen Dorf verbringen und nur im Sommer auf den Berg ziehen, wo ihre drei Kühe weiden. Tatsächlich ist der Kuhstall hier deutlich größer als die Unterkunft des Paars.

Tunnel of death

83 km, 539 Hm bergauf, 2121 Hm bergab nach Dushanbe, 22.4.2023

Mein Schlafsack hält mich nachts warm. Morgens allerdings sind meine Hände fast erfroren, bevor die Sachen gepackt sind. Es sind früh morgens, als ich losfahre knapp unter 0 Grad. Nach weiteren 500 Höhenmetern sind die Schneeflächen größer als die schneefreien Hänge.

Dann kommt der Anzob-Tunnel, der sogenannte Tunnel of death. Das heißt, zuenächst kommt ein kleinerer Tunnel, den ich schon für den Anzobtunnel halte. Es ist noch relativ früh am Morgen, ich wage mich mit dem Fahrrad ein paar Meter hinein, dann kehre ich um. Dunkelheit, Schlaglöcher, schlechte Luft! Ein Auto mit zwei Männern hält neben mir an. Einer bietet an, das Fahrrad für mich durch den Tunnel zu fahren, während ich mich auf seinen Platz im Auto setze. Ich nehme an. Ein bisschen unangenehm ist es mir schon, als auffällt, dass das noch gar nicht der berüchtigte Anzobtunnel ist und wir stattdessen nach ein paar hundert Metern wieder draußen sind.

Am echten Anzob-Tunnel angekommen, stoppt mich ein Polizist und erklärt dass es unmöglich ist, mit dem Rad durchzufahren. Dafür hilft er mir, ein Auto zu finden, dass mich samt Fahrrad mitnehmen kann. Es wird ein uralter PKW mit gesprungener Windschutzscheibe, auf dessen Dachgepäckträger mein Fahrrad heil durch den Tunnel kommt. Nach der Autofahrt bestätige ich den Polizisten: es ist wirklich unglaublich, wie viel Abgase man in einem Tunnel sammeln kann. Teilweise fehlt die Tunnelbeleuchtung, aber auch wo sie existiert, ist kaum etwas zu sehen. Selbst die Autoscheinwerfer kommen in dem Qualm nicht weit. Dabei ist nicht einmal viel Verkehr. Neben den eigentlichen Autoabgasen dürfte auch Kohlestaub in der Luft hängen, von den zahlreichen Kohletransportern die in kurzen Abständen durch den Tunnel fahren.

Nach diesem Tunnel kommen noch viele kleinere, aber die sind mit dem Fahrrad gut zu bewältigen. Dann geht es bergab und bergab und bergab. Das ist dabei wärmer wird, ist anfangs angenehm. Aber die Umstellung von unter 0°C am morgen auf etwa 30 °C in Dushanbe ist am Ende doch ganz schön anstrengend.

Dushanbe – Stadt ohne Sehenswürdigkeiten

Ja, ja, es gibt ein paar wenige Museen, einen botanischen Garten, viele Parks, unendlich viele Blumen und eine riesige Flagge neben einem künstlichen See. Die Stadt ist nicht unangenehm, aber sie ist eben erst in den letzten Jahrzehnten aus einer Kleinstadt entstanden. Jetzt gibt es viele Hochhäuser, viel bombastisches blingbling, jede Menge Bilder des örtlichen Diktators und wenig Geschichte.

Ich bin gleich für eine ganze Woche in Tadschikistan. Unter anderem liegt das daran, dass ich zunächst der Meinung bin, dass ich mich innerhalb einer bestimmten Zeit registrieren muss und das nur in Dushanbe möglich ist. Das stellt sich als falsch heraus. Tatsächlich muss man sich, wenn man ohne Visum einreist, nach 10 Werktagen bei einer Behörde (OVIR) registrieren. Neben Sonntagen zählen aber auch Samstage und Feiertage nicht mit.

Neben Spaziergängen durch die Stadt habe ich Zeit für Ausflüge und für den Test des örtlichen ÖPNV:

  • In Hisar gibt es eine wieder aufgebaute alte Festung und zwei Medressen zu sehen: Die Festung sieht etwas nach Disneyland mit Souvenirständen aus. Das interessanteste daran sind die Hochzeitspaare, die für Fotos kommen. Die Medressen sind tatsächlich alt. Gegenüber denen in Bukhara und Samarkand sind sie natürlich nicht sehr beeindruckend, dafür aber ziemlich frei von Touristen.
  • Im Varzob Tal kann man entlang eines Seitentals wandern – hübsch, aber leider sehr heiß. Ich kehre nach einem Tee bei einigen Hirten und 1000 Schafen und Ziegen wieder um.

Daneben habe ich Zeit, mich um die Vorbereitungen für die Rückreise zu kümmern. Einen Fahrradkarton bekomme ich nicht – das liegt allerdings daran, dass ich auf den einen, den mir ein Fahrradladen anbietet, verzichte: ich müsste so ziemlich alles am Rad zerlegen, damit es reinpasst. Luftpolsterfolie scheint es in ganz Tadschikistan nicht zu geben. Was es gibt, sind Rohrisolierungen, die sich gut zum Schutz der empfindlichen Teile eignen und Frischhaltefolie, von der ich geschätzte 70 m um meine Sachen wickle.

Seit wenigen Jahren fordert Turkish airlines einen „Fahrradkarton oder eine Spezialtasche“. Tatsächlich wirft beim Aufgeben des Rads in Dushanbe niemand auch nur einen Blick auf die Art der Verpackung – Glück gehabt. Zurück in Berlin hat das Vorderrad eine kleine 8, die sich aber relativ leicht wegzentrieren lässt.

Meine Heimatstadt hat mich wieder – bis zum nächsten Mal.

Alpe-Adria-Radweg

Der Alpe-Adria-Weg ist landschaftlich toll und laut Internet die einfachste Alpenüberquerung. Die meisten Anstiege sind sanft und viele Höhenmeter spart man sich mit einer Tunnelstrecke.

Die Zusammenfassung

Im Internet steht, dass dies die einfachste Alpenüberquerung ist, und ohne irgendeine andere probiert zu haben: ich bin sicher, dass das stimmt. Viele Höhenmeter spart man sich durch eine Tunnel- Bahnstrecke, die meisten Anstiege sind sanft und ab Tarvisio ist eine alte Bahnstrecke zum Radweg ausgebaut. Also: ab da keine wesentlichen Anstiege mehr. Wegweiser, Cafés und Unterkünfte sind überall. Ich vermute allerdings, dass auf dem Weg ab Mai die Hölle los ist – im April war noch angenehm wenig Betrieb. Landschaftlich ist der Weg super.

Salzburg – Dorfgastein

97 km, 1021 Höhenmeter

Ich hatte zunächst Bedenken eine Alpenüberquerung schon im April zu probieren, aber das Wetter ist prima. Die Straßen sind eisfrei, die Sonne scheint, es ist nicht besonders kalt. Der Weg führt erst einmal lange an der Salzach entlang, mit schneebedeckten Bergen im Vordergrund und dem Fluss neben mir.

Der Alpe-Adria-Radweg setzt sich zusammen aus mehreren Abschnitten unterschiedlicher Fernradwege. Heute folge ich der Ausschilderung für den Tauernradweg. Die Steigung ist über lange Zeit kaum zu spüren. Und die Infrastruktur in Österreich ist klasse. Meistens ein Radweg, wenn nicht, dann ein ausreichend breite Streifen neben der Straße. Ein Wegweiser jagt den nächsten, es ist fast unmöglich, sich zu verfahren. Natürlich tue ich es trotzdem, als an. einer Stelle um eine Baustelle herumgeleitet wird. Aber das kostet nur wenige Kilometer. Cafes und Restaurants überall, Übernachtungsmöglichkeiten ebenso. Tunnels haben eine baulich abgetrennte Radspur, in einem Fall gibt es sogar einen eigenen Fahrradtunnel..

Alpenüberquerung, das klingt ein bisschen furchterregend, aber zumindest der erste Tag ist unproblematisch, und das, obwohl es die erste Radtour nach dem Winter ist. Erst die letzten 16 km werden wirklich anstrengend. Und auch die könnte man wohl einfacher haben: an einigen Stellen habe ich Hinweisschilder gesehen mit der Aufschrift: Tauernradweg – einfache Strecke. Vielleicht hätte ich sie nehmen sollen…

Dorfgastein – Spittal an der Drau

67 km, 701 Höhenmeter bergauf

700 Höhenmeter, das klingt ja eigentlich nicht so schlimm, gestern waren es immerhin über 1000 m Anstieg. Aber die waren nicht alle an einer Stelle! Heute führt der Weg erst eine Weile relativ flach an einem Bach entlang, dann folgt ein Hammer-Anstieg. Er konzentriert sich zwischen Bad Hofgastein und Bad Gastein. Ich schiebe mein Rad im Wesentlichen nach oben, bin hinterher aber trotzdem KO. Ziemlich viel 18 prozentige Steigung. Bad Gastein oben sehe ich mir nicht genau an, der erste Blick ist aber beeindruckend. Der Ort scheint voller Hotels zu sein, dazwischen ein berühmter Wasserfall. Sämtliche Hotels sehen aus wie Paläste! Und als mich jemand auf der Straße nach dem Weg fragt, ist seine bevorzugte Sprache dann auch russisch.

Die letzten Meter bis Böckstein führen wieder an einem kleinen Bach entlang und sind nicht besonders anstrengend. Dann geht es in die Tauernschleuse. Keine Ahnung warum das Ding Schleuse heißt, es handelt sich um einen Eisenbahntunnel. Sämtliche Autos, Fahrräder und Personen werden für 12 km in eine Bahn geladen und hinter dem Tunnel wieder ausgespuckt. Das geht alles sehr unproblematisch und was die Fahrt betrifft auch ziemlich schnell. Lediglich warten muss ich auf den Zug eine Weile. Er fährt stündlich, aber natürlich nicht zum richtigen Zeitpunkt.

Von Mallnitz, direkt hinter dem Tunnel, aus geht es dann steil bergab. Ein Verkehrsschild mit einem spektakulär stürzenden Radfahrer überzeugt mich, nicht in voller Geschwindigkeit den Berg hinunter zu fahren. Obwohl das wohl funktioniert hätte, die angekündigten straßenschäden sind sehr überschaubar. Die Beschilderung wechselt etwas später von „Tauernradweg“ zu „Drauradweg“, nun nicht mehr mit der Bezeichnung R7, sondern R1. Nach dem steilen Stück führt der Weg ganz sanft bergab auf guten Radwegen das Drautal entlang,. Ich wusste nicht, dass es in den Alpen so lange flache Strecken gibt. Über den heftigen Gegenwind schweige ich lieber…

Spittal an der Drau – Tarvisio

80 km, 476 m bergauf

Tarvisio
Eine von vielen Fischtreppen

Heute ist zum ersten Mal schlechtes Wetter angesagt und ich möchte eigentlich nicht sehr weit fahren. Es werden dann doch 80 km, dafür habe ich nun schon die wesentlichen Steigungen hinter mir. Die Strecke geht zunächst sanft bergab weiter das Drautal entlang, dann ebenso sanft bergauf das Gailtal entlang. Die Beschilderung wechselt von R1 (Drautalradweg) zu R3 und dann R3c (Gailtal Radweg). Dann wird der Anstieg etwas stärker, aber er hat nichts mit dem von gestern zu tun. Die Strecke lässt sich durchweg ohne allzu große Anstrengung fahren.

Tarvisio – Udine

108 km, etwas weniger, wenn man schön auf der richtigen Strecke bleibt.

Bis auf einen kleinen Anstieg ganz am Anfang führt die Strecke jetzt langsam aber sicher bergab. Und: der Radweg bekommt plötzlich Bahnhöfe und Tunnel. Es handelt sich offensichtlich um eine alte Eisenbahnstrecke die zum Fahrradweg umgebaut wurde. Klar, dass es da keine großen Steigungen geben kann. Die Strecke ist an sich wunderschön, zwischen Alpen hindurch, immer in der Nähe eines leicht türkisfarbenen Flusses. Das einzige störende sind die Autobahn und die Straße im gleichen Tal.

In Chania dann ist die Bahnstrecke vorbei. Der Radweg geht aber mit kleinen Unterbrechungen in guter Qualität weiter. Dafür kommt man jetzt gelegentlich durch sehr malerische italienische Kleinstädte.

Von Udine sehe ich leider nicht mehr viel. Als ich endlich in meinem Hotel ankomme bin ich schlicht zu geschafft, um gleich wieder raus zu gehen.

Udine – Grado

54 km, flach

Sehr viel gibt es über diesen Abschnitt eigentlich nicht zu sagen. Die Alpen liegen jetzt hinter mir, der Radweg ist nach wie vor gut und der Abschnitt flach.

Bemerkenswert ist die kleine Stadt Palmanova, die offenbar Ende des 16 Jahrhunderts als Festungsstadt angelegt wurde. Die gesamte Anlage ist immer noch sehenswert und guten Kaffee gibt es auch.

Grado scheint eine nicht besonders spannende Touristeninsel zu sein, es gibt einen langen Sandstrand, der momentan ganz leer ist (aber das Wetter ist auch schlecht), der aber, nach der Anzahl der Sonnenschirmständer zu urteilen, im Sommer komplett überfüllt sein dürfte.. Irgendwo gibt es ein bisschen Altstadt und überall hört man deutsch.

Ab Mai gibt es einen Fahrradshuttle zurück nach Udine. Noch fährt der nicht. Ist aber kein Problem, der nächste Bahnhof ist bloß knapp 20 km entfernt und die Züge nach Udine nehmen problemlos Räder mit.

2021 East Carpathian Greenway, Przemyśl, Lviv

Przemyśl nach Ustrzyski Dolne

65 km, 999 Hõhenmeter bergauf, 750 bergab

Nach einem anstrengenden Tag in Zug – die Klimaanlage im ersten Zug funktionierte fast nicht, im anderen gar nicht – kommen wir in Przemysl an, einem offenbar netten Städtchen an der Grenze zur Ukraine, gehen ein Stück durch die Stad und übernachten in einer einfachen Pension mit freundlicher Wirtin. Am nächsten Morgen geht es dann los. Am Vormittag ist es bewölkt und schwül, danach sonnig und schwül und meine Güte, wann bin ich eigentlich zuletzt in den Bergen Fahrrad gefahren? Es ist viel zu anstrengend! Auf der Karte sah es zumindest nach Schatten aus, unser Weg führt weitgehend durch den Wald. Aber die Seitenstreifen neben der Straße sind freigeräumt und so fahren wir meistens durch die Sonne.

Auf den relativ kleinen Straßen ist erstaunlich viel Verkehr, der rätselhafterweise zu nicht unerheblichen Teilen aus alten Feuerwehrfahrzeugen besteht. Großbrand in einer weiter entfernten Stadt? Freibier für Feuerwehrleute? Polnisches Jahrestreffen der roten Autos? Wir haben keine Ahnung.

Am späten Nachmittag, endlich, haben wir es nach Ustrzyski Dolne geschafft. Auch hier ist Highlife: ein Fest mit viel polnischer Volksmusik, größtenteils gesungen von älteren Frauen, Bier, Stände.

Ustrzyski Dolne – bei Polanczyk Solienske See

knapp 50 km

Nach der Anstrengung am ersten Tag gestern wollen wir es etwas ruhiger angehen lassen und nur bis Solina fahren. Wir sind nun auch auf dem East Carpathian Greenway, ein Rad- Rundweg durch die Karpaten in Polen, der Slowakei und der Ukraine. Der Weg führt zunächst auf kleinen, wenig befahrenen Straßen in einem Bogen nach Oszanka, dort kürzen wir über die Hauptstraße ab, sind gegen Mittag in Solina – und fahren doch lieber weiter; es wimmelt von Touristen mit ihren Autos, die meisten Unterkünfte sind ausgebucht, und außerdem wollen wir unsere Zelte ja nicht ganz umsonst spazieren fahren.

Das einzig Bemerkenswerte, das wir in der Stadt sehen, ist eine wirklich beeindruckender Staumauer, mit der der ziemlich großer Solienske See aufgestaut wird und die nur ein Teil der Anlage ist: schon ein ganzes Stück vorher sind wir bereits an einer zum gleichen System gehörigen tiefer gelegenen Staumauer vorbei gekommen.

Der Weg von Solina zum Campingplatz am See sieht kurz und einfach aus, ist es aber nicht. Die Straße führt 200 Höhenmeter stell nach oben und dann wieder nach unten. Immerhin haben wir dann aber noch Zeit zum Schwimmen, spazieren gehen, Eis essen, Bier trinken am Stausee. Empfehlenswert.

Solienske See – Stakcin

67 km, 880 Hm aufwärts
Der höchste Punkt der Tour liegt an der Grenze zwischen der Slowakei und Polen. Schon einige Zeit vorher wundere ich mich, dass von den wenigen Autos, die uns auf dem langen Weg nach oben überholen, kein einziges ein slowakisches Kennzeichen hat. Ich mache mir darüber nicht allzu viele Gedanken, aber natürlich gibt es einen Grund: während auf der polnischen Seite die Straße wunderbar ausgebaut ist und wir uns über schönsten Asphalt nach oben quälen, geht es auf der slowakischen Seite mit kleinkörnigem Schotter los. Daraus werden große Schottersteine dann kommen die Baufahrzeuge. Anstelle einer schnellen Abfahrt gibt es unterschiedlichste Zwischenzustände des Straßenbaus, über den wir die Räder ganz langsam fahren oder schieben. Außerdem viel Mittelgebirge, kaum Menschen. Die Gegend ist Nationalpark, es gibt kaum Siedlungen und selbst in den Städtchen, in den wir schließlich landen nur ein einziges Hotel und einen kleinen Laden.

Die Grenze

Stakcin – Kostryna

46 km, 240 HM bergauf

Nachdem wir erst gestern in die Slowakei gefahren sind, kommt heute schon der nächste Grenzübertritt, dieses Mal in die Ukraine. Wir zeigen bestimmt fünf Mal unsere Pässe, unsere Bescheinigung über eine Versicherung, die die Kosten für Covid übernimmt, wird genau geprüft, der Impfnachweis bekommt nur einen schnellen Blick und einigermaßen schnell sind wir in der Ukraine.

Dort führt die Radroute die Hauptstraße entlang, die sich aber zumindest auf unserem heutigen Abschnitt als ziemlich wenig befahren herausstellt.

Heute ist hoffentlich der heißeste Tag des Urlaubs: 34 °C, also belassen wir es bei der Strecke bis Kostryna, einem lang gezogenen Straßendorf an der Uzh. Dafür baden wir im Fluss, wagen uns über eine wacklige Hängebrücke und sehen die örtliche Holzschindelkirche an.

Kostryna – Uzhok

Ganze 27 km und etwa 300 HM

In Kostryna machen wir erstmal Pause und gehen wandern: auch ganz schön anstrengend! Es gibt ausgedehnte Buchen-Urwälder neben steilen, hervorragend ausgeschilderten Wegen, oben dann Blumenwiesen, unendlich viele Heidelbeeren und große Roma-Gruppen, die selbige eimerweise sammeln. Spektakuläre Aussicht gibt es eher nicht, die Karpaten sind eben ein Mittelgebirge.

Am nächsten Tag geht es dann nur ein Stück weiter. Wie teilen Höhenmeter ein und sind deshalb schon früh in einem SpaHotel mit Pools, Saunen und Blockhäusern. Im Gegensatz zur letzten Unterkunft ist hier auch durchaus Betrieb, ukrainische Familien im Sommerurlaub.

Obwohl wir nicht sonderlich hoch sind, scheint alles auf Wintertourismus ausgerichtet zu sein. Wahrscheinlich ist das Klima schon kontinental genug, um ausreichend kalte Winter zu garantieren.

Uzhok – Sambir

92 km, 845 HM rauf, 1088 HM runter

Ich weiß nach wie vor nicht, ab wann unsere Unterkunft Frühstück angeboten hätte, nur, das wir so lange nicht warten wollen. Immerhin schaffen wir so gleich die ersten paar hundert Höhenmeter, vorbei an einer Leistungssportbasis und zahlreichen Sportlern, die zumeist offenbar für Wintersport trainieren.

Danach führt die Straße in ständigem Wechsel bergauf und bergab, vorbei an unglaublich viel Riesenbärenklau in voller Blüte und zwischen Wäldern hindurch.

Unser Ziel ist eigentlich Stary Sambor, mit der Option, auch vorher schon aufzuhören, wenn wir einen schönen Ort finden. Aber wir fahren am Hotel in den Bergen vorbei, in Stary Sambor gibt es kaum Unterkünfte, diejenige, die wir schließlich finden, ist ausgebucht. Also reserviere ich in Sambor und wir schwingen uns wieder auf die Räder.

Als wir in Sambor ankommen, sind wir einigermaßen geschafft – und klar, konnte nicht anders sein, unsere (günstige) Unterkunft hat einen Festsaal, es ist Samstag und es findet eine Hochzeit statt, mit lautet Musik bis spät in die Nacht.

Die Altstadt von Sambor schauen wir am Abend noch an, mit Marktplatz, Rathaus und jeder Menge Betrieb.

Riesenbärenklau ist überall.

Sambir – Lviv

78 km, 246 HM hoch und ähnlich viel nach unten

Ich erwarte eigentlich reines Flachland, aber nachdem ich für ein paar Kilometer Recht behalte, beginnt sich das Gelände wieder zu wellen. Wir fahren auf Hauptverkehrsstraßen immer weiter im Richtung Lviv. Dafür hält sich der Verkehr in Grenzen, erst als einige Kilometer vor der Stadt zwei Hauptstraßen zusammenlaufen, wird es spürbar mehr. In der Stadt selbst ist es ziemlich schwierig, mit dem Rad vorwärts zu kommen. Zum einen besteht sie aus einem Gewirr von Einbahnstraßen, zum anderen ist es oft so eng, das man auch mit dem Rad im Stau steht.

Kleiner Ausflug in die Stadt am frühen Abend

Lviv

Dass Lviv eine schöne Stadt ist, muss ich vermutlich nicht betonen. Ja, ist es. Und vor allem am Wochenende ist die Stadt auch sehr quirlig, überall Straßenmusik, Straßenkünstler, Verkäufer…

Ich hätte mir nicht ganz so viele Touristen vorgestellt, vor allem in Pandemiezeiten, aber die meisten davon stammen vermutlich aus der Ukraine selbst, einige aus Polen oder Tschechien. Es ist jedenfalls einiges los in der Stadt.

Wir sehen uns den Friedhof an (ja, das ist einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten und lohnt sich) und haben vor, dann auch noch in ein nahe gelegenes Open-Air Museum (traditionelle Häuser/Dörfer) in der Nähe zu gehen. Tun wir auch, allerdings auf unüblichem Weg, wir brechen ins Museum ein: das Freilichtmuseum ist so etwas wie ein Park in einem größeren Park, wir gehen zu Anfang in die falsche Richtung, dann längere Zeit auf einem Trampelpfad um den Zaun des Museums herum. Irgendwann geht es nicht mehr weiter, zu steil, zu viele umgefallene Bäume, zu schlammig. Dafür ist der Zaun zum Museumsgelände gerade an dieser Stelle etwas marode. Es bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als drüberzuklettern…

Eine Führung durch die Stadt machen wir auch mit, sind allerdings offenbar gerade die einzigen Interessenten, die diese Führung gern auf Englisch (oder deutsch) hätten. Es wird also tatsächlich eine Privatführung, dafür recht erschwinglich mit einem sehr kompetenten Guide (Artem von Kumpel Tours)

Львів – Przemyśl

99 km Hauptstraße

Schließlich geht es zurück zum Ausgangspunkt unserer Radtour, Przemyśl. Ich fürchte diese Etappe ein bisschen: 99 km Hauptstraße, auf der Karte schnurgerade, nachdem man sich durch das größtenteils wirklich nicht sehr fahrradfreundliche Lviv gequält hat. Tatsächlich ist die Strecke nicht schlimm. Klar, am Anfang ist der Verkehr ziemlich dicht, aber es gibt auch mehrere Spuren und einen Seitenstreifen. Dann sinkt die Zahl der LKWs ziemlich schnell auf ein annehmbares Niveau. Zwar fahren wir wirklich die ganze Zeit geradeaus, aber immerhin ist der Blick zur Seite (oft Wälder) etwas hübscher als gedacht und ein paar Hügel gibt es auch.

Die Grenze nach Polen erscheint uns einigermaßen undurchschaubar. Schon mehrere Kilometer vor der Grenze warten LKWs, einige Lieferwagen fahren vorbei, es sind kaum normale PKWs unterwegs. Wäre ich mit dem Auto hier, ich hätte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten muss.

Es gab bislang zu wenige Goldkuppelfotos – dabei stehen die hier überall

Der Grenzübergang Shegini/Medyka ist einer der wenigen, der offiziell für Fußgänger und Radfahrer funktioniert. Zwar sagt das Internet, dass sich auch an den anderen Übergängen immer Wege finden, aber wir sind doch froh, den richtigen Übergang zu haben. Es wäre sonst zumindest zeitaufwändig, herauszufinden, was zu tun ist. So kommen wir mit unseren Pässen und Impfzertifikaten schnell und unproblematisch nach Polen und sind kurz danach wieder in Przemyśl.

Przemyśl

2020 – Tschechien, Slovakei, Polen

Brno – Vyškov, 34 km

September 2020

Ich wäre wirklich gern weiter weg gefahren, im Pandemiejahr ist das aber gar nicht so einfach: immer mal wieder werden plötzlich Grenzen geschlossen, Risikogebiete erklärt, Regeln verändert. Immerhin sind Tschechien, die Slowakei und Polen nach aktuellem Stand OK.

In Brno starte ich, weil ich hier bei einer anderen Radtour schon einmal durchgekommen bin – ich schließe gern irgendwo an – und weil ich aus Berlin gut mit dem Zug hinkomme.

Es ist schon Nachmittag, als ich aus dem Zug steige und die Straße suche, die auf der App ganz nett wirkt. Leider entpuppt sie sich als ziemlich scheußlich: viel zu viel Verkehr, rechts und links bloß Felder. Über die Steigungen beschwere ich mich mal nicht, die habe ich gewollt.

In Vyškov schaffe ich gerade noch einen kleinen Spaziergang durch die hübsche und sanierte Altstadt, bevor es dunkel wird und ich in meiner Pension ins Bett falle – für den Zug morgens musste ich schon um halb 5 aufstehen.

Vyškov – Valašské Meziříčí

Etwa 95 km, mit Verfahren und durch die Stadt kurven sind es 105.

Die Straße wird ruhiger und im ersten Abschnitt überraschend flacher, bevor dann doch ein paar knackige Steigungen und Abfahrten kommen. Immer abwechselnd rauf und runter, so dass sich die Höhe insgesamt kaum ändert.

Die Dörfer und Städtchen sind hübsch, es sieht ungefähr aus wie in Österreich, Kirchen, Vorgärten, sanierte Innenstädte, Heiligenskulpturen , ab und zu ein mehr oder weniger hergerichtetes Schloss.

Und dann Apfelbäume, jede Menge Apfelbäume an den Alleen, und alle hängen sie voll mit reifen Äpfeln.


Valašské Meziříčí – Žilina

93 km, etwa 1000 Höhenmeter rauf und wieder runter

Meine App kümmert sich nicht die Bohne um Radwege. Heute will sie mich zum Beispiel eine viel zu stark befahrene Straße entlang schicken, obwohl es ein paar Meter weiter einen phantastischen Radweg gibt. Zum Glück weist mich eine Passantin darauf hin.

Ich fahre also den Radweg entlang, erstaunlich langsam, weil es unmerklich bergauf geht und bin plötzlich im Mittelgebirge. Als ich einmal die Hauptroute verlasse, wird es sogar extrem steil, und irgendwann bin ich mitten im einem Skigebiet, eine Werbung für Skikurse jagt die andere.

Nachdem der schöne Radweg zu Ende ist, muss ich doch lange auf der Hauptstraße weiter. Praktisch am Pass überquere ich die Grenze in die Slowakei. Das funktioniert zum Glück gewohnt unkompliziert. Sollte Corona hier Auswirkungen gehabt haben, ist davon nichts mehr zu sehen.

Später versuche ich es ein Stück mit einem Wanderweg. Klar, das endet damit, dass ich auf miserablen Riesenschottersteinen steil begab schiebe…

Abends lande ich in einem original sozialistischen Hotel. Alles funktioniert, die Leute sind sehr nett, aber diese Lampen! Und einen Aufzug ohne Innentür (bei dem man also an die vorbeifahrenden Wand fassen kann), habe ich seit meiner Kindheit nicht gesehen.

Žilina – Terchowa

25 km

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Žilina

Nachdem ich mich gestern mit meinen Umwegen durch Skigebiete doch etwas überanstrengt habe, lasse ich es heute ruhig angehen, spaziere erst einmal durch Žilina. Kirchen und Museen sind am Samstagmorgen leider noch geschlossen, aber die Plätze und Brunnen sind auch im Hellen ganz schön. Dann radle ich ganze 25 km zum nächsten Campingplatz, der leider ziemlich direkt an einer Straße liegt und, wie sich später herausstellt, voller Lagerfeuerfans ist. Trotzdem ist er schön: alle Einrichtungen sind sauber und neu und nachts wird auch die Straße ruhig.

Und weil ich es dann doch nicht lassen kann, gehe ich nachmittags in der Mala Fatra wandern, an der Varinka, einem kleinen Flüsschen entlang, einen steilen Weg rauf und dann wieder runter. Für ein Mittelgebirge wird es oben ganz schön steil und felsig – aber superschön.

Terchowa – Orava – Demänova Dolina

40 und 50 km und jeweils etwa 600 Höhenmeter.

In der Nacht auf dem Campingplatz geht die Welt unter. Irgendwann fängt es an zu regnen, es klingt, als hielte jemand eine ganze Batterie Duschköpfe übers Zelt. Zu laut zum Schlafen. Als ich mal raus muss, muss ich fast zu den Toiletten schwimmen. Zum Glück steht das Zelt morgens rein zufällig nicht in einer größeren Wasserfläche.

Es dauert bis etwa 12 Uhr, bevor an einpacken und weiterfahren zu denken ist. Dann quäle ich mich den nächsten Berg hoch. Es ist frustrierend, habe ich nicht noch vor zwei Jahren ganz andere Berge geschafft? Oder waren die Steigungen in Armenien vielleicht nicht ganz so heftig, damit auch die alten Kamaz-Laster eine Chance hatten? Wie dem auch sei, die Berge fallen mir schwer.

In der folgenden Nacht ist wieder Dauerregen angesagt. Also nehme ich mir ein Hotelzimmer. Sieht auf den ersten Blick gut aus, einsames Ressort mit Schwimmbad und Sauna und Panoramablick. Leider hält es nicht, was es verspricht. Es scheint außer mir nur noch eine Familie da zu sein, der Wellnessbereich ist geschlossen und das Frühstück ein schlechter Witz.

Nach der zweiten Nacht Wolkenbruch fließt auf dem Waldweg, den ich nehmen will kein Bach, sondern ein ausgewachsener Fluss. Die Alternative ist ein durchweichter Grasweg, auf dem ich das Rad nach oben schiebe, während ich versuche, möglichst wenig wegzurutschen. Wäre wirklich gut, ich wäre ein bisschen fitter. Immerhin komme ich doch noch auf eine asphaltierte Straße, weiter geht es etwas besser. Am Ende des Tages lande ich in einer Art Touri-Disneyland. Ein saisonbedingt geschlossenes Spaßbad jagt das andere, dazwischen Ferienhäuschen, Hotels, Restaurants. Immerhin liegt der Campingplatz ganz schön und bietet einen Blick aus dem Zelt auf den Sonnenuntergang.

Demänovská Dolina – Poprad

knapp 80km, knapp 500 Höhenmeter

Morgens mache ich einen kleinen Abstecher, das Demänovská – Tal hinauf und besichtigte eine der zahlreichen Höhlen, die Eishöhle. Die Höhle ist tatsächlich beeindruckend, groß, Tropfsteine überall, teilweise rot durch Mineralien. Eis gibt es allerdings so gut wie keins, es ist schon September und der letzte Winter war eigentlich keiner. Ich glaube, auch die Führung ist nicht besonders gut. Dass ich nichts versteht, liegt daran, dass sie nur auf Slowakisch angeboten wird. Anscheinend spult der Führer aber genau den Text ab, den ich in einem Begleitblatt auf Deutsch bekomme. Eine Fotoerlaubnis kostet 10Euro, natürlich kaufe ich keine, und als ich trotzdem heimlich fotografieren will, ist sofort eine Mitarbeiterin neben mir, die mich daran hindert.

Ich glaube zunächst, daß ich den ganzen Tag auf der Hauptstraße fahren muss, lasse aber meine App nochmal rechnen. Heraus kommt eine sehr schöne Strecke durch die niedere Tatra, meist auf kleinen, kaum befahrenen Straßen zu Beginn und am Ende sogar auf Radwegen. Bloß ein paar Abschnitte Feldweg sind natürlich auch dabei, und nach dem Regen der letzten Tagen bilden sich auf denen gelegentlich Seen.

Hohe Tatra

Mit dem Rad fahre ich nur etwa 17km bis zu einem Campingplatz bei Stara Lesna. Wenn ich schon in der hohen Tatra bin, möchte ich zumindest einmal wandern gehen. Ich suche mir eine zu lange Strecke aus dem Internet, folge ihr dann aber nicht. Ich laufe den erstbesten Weg zur Hälfte hoch und fahre zur Hälfte Seilbahn. Ich lande in (am?) Lomnicke Sedlo, irre eine Weile unentschlossen durch die Ausflüglermassen und mache mich dann auf einen zufälligen Weg, der, wie sich herausstellt in einem weiten Bogen, lange an einem Fluss entlang, wieder ins Tal führt. Über Wege aus großen Steinen und neben zahlreichen Wasserfällen entlang. Wunderschön!

Mit einer Pause bin ich am Ende 6 Stunden unterwegs zum ersten Mal habe ich am nächsten Tag Muskelkater. Aber gelohnt hat sich der Abstecher.

Stara Lesna – Lipany

70 km, 550 Höhenmeter

Erste Station heute ist Kežmarok. Ich überlege noch, ob sich ein Abstecher in die Stadt lohnt, da fällt mir eine kleine Kirche ins Auge, die ungewöhnlich wirkt. Also stelle ich das Rad ab und gehe hinein. Tatsächlich, es handelt sich um eine evangelische Kirche aus dem 18.Jahrhundert, ganz aus Holz, mit wunderschönem, aufwendigen, ebenfalls hölzernen Altar – nur drinnen zu fotografieren ist nicht erlaubt.

Offenbar war die Möglichkeit, überhaupt eine Kirche bauen zu dürfen, ein erhebliches Zugeständnis an die Protestanten dieser Zeit und mit zahlreichen Auflagen verbunden – nur Holz war erlaubt, die Bauzeit auf ein Jahr begrenzt, Glockentürme waren verboten. Manche Baumeister nahmen das als Herausforderung.

Neben dieser relativ kleinen Kirche steht eine große neuere, ebenfalls protestantische Kirche, daneben gibt es eine hübsche Innenstadt mit zahlreichen Cafés und einer Burg, die ich nicht ansehe.

Stattdessen fahre ich weiter. Unversehens bin ich im einsamsten Teil der Tour. Es geht viele Kilometer auf einem keinen Sträßchen bergauf, bergauf, nochmal bergauf, dann wieder bergab, ohne dass ich an einem Dorf oder auch nur an einem Haus vorbeikäme.

Am späten Nachmittag dann bin ich in Lipany, einem extrem unspektakulären Kleinstädtchen, in dem ich ein Zimmer in einem Sportzentrum gegenüber einer undefinierbaren Industrieanlage bekomme – offenbar die empfehlenswerteste Adresse im Ort.

Lipany – Nowy Sacz

Mit Umwegen 95 km, 770 Höhenmeter

In meiner Unterkunft habe ich ein Prospekt zu einem Radweg von Lipany nach Muszyna in Polen gefunden. OK, das ist wohl ein Zeichen. Ich entscheide, daß es Zeit ist, nach Polen abzubiegen.

Gesagt, getan. Bei näheren Hinsehen scheint allerdings der Radweg über unbefestigte Wege mitten über einen Berggipfel zu führen. Ausgeschildert ist er auch nicht, er scheint also eher in der Phantasie der Planer zu existieren. Also fahre ich doch ein gutes Stück auf der Hauptstraße. Aber auch lange Strecken auf gut asphaltierten Wegen gibt es. Früher als erwartet bin ich in Polen, kurve kurz durch Muszyna, finde aber keinen Bankautomaten, der bereit wäre, mir Geld zu geben. Also gibt es auch den Kuchen erst zwei Orte weiter, in einem offenbar alten Kurort mit Heilquellen, an denen ich aber konsequent vorbeifahre, ohne sie zu bemerken.

Abends falle ich einmal wieder auf ein Campingplatzzeichen in meiner App rein. OK, ich kann nicht ganz ausschließen, daß man irgendwo neben dieser Hauptstraße hinter dem McDonalds ein Zelt aufstellen könnte. Ich halte das nicht für eine gute Idee. Also nochmal 12km weiter. Kurz hinter Novy Sącz gibt es dann tatsächlich einen sehr niedlichen kleinen Platz an einem Fischteich. Klein, ruhig, und die Küche der gerade nicht vermieteten Hütte kann ich auch benutzen.

Nowy Sącz – Sierakow

77km, 850 Höhenmeter

Morgens kämpfe ich zunächst einmal mit der Technik: Die Navi-App hat die Strecke „verloren“ und rechnet sich fast tot beim Versuch, einen Weg nach Krakau zu finden. Das ist aus zwei Gründen blöd: erstens stehe ich dumm rum und kann nicht weiter, weil ich wirklich keine Ahnung habe, in welche Richtung ich fahren muss, zweitens saugt die App damit meinen altersschwache Handyakku in Nullkommanix leer. Erst recht, als ich in meiner Verzweiflung Google frage. Das gibt mir zwar Hinweise auf die richtige Richtung, aber dauerhaft mit Google navigieren, das schafft der Akku wirklich nicht. Erfolg habe ich erst mit Eingabe eines Zwischenziels in nur 20km Entfernung.

Dann gibt es eine Mischung aus netten kleinen Sträßchen und doofen großen Straßen, die in Polen kaum Seitenstreifen haben. Und was sollen eigentlich diese Steigungen überall? Ich habe den Eindruck, dass es noch steiler geworden ist, seit die Berge insgesamt nicht mehr so hoch sind und schiebe mehrmals kleine Strecken. Vielleicht liegt es aber auch am Wetter: für September ist es ganz schön heiß.

Schließlich stelle ich fest, dass es absolut keinen Grund gibt, heute bis Krakau zu fahren. Stattdessen finde ich ein schickes Hotel mit gutem Restaurant in einem kleinen Schloss. Die Leute, die drum herum spazieren gehen, tragen Anzüge oder schicke Kleider, irgend eine Veranstaltung scheint hier stattfinden. Ich muss ernsthaft durchatmen, bevor ich mich verschwitzt und erschöpft wie ich aussehe, hineintraue. Hätte ich nicht reserviert, ich hätte wohl gute Chancen, dass „alles ausgebucht“ ist.

Sierakov – Krakau

Auch wenn ich Schwierigkeiten habe, sie zu finden, es gibt eine recht gute Radroute ins Zentrum. Und auch dort gibt es zahlreiche Radwege und im übrigen rücksichtsvolle Autofahrer. Ich komme gut in meinen AirBnB an, es ist auch fast fertig, obwohl ich natürlich viel zu früh da bin. Prima! Ich habe eine kleine Ferienwohnung in einer relativ ruhigen Seitenstraße am Rande von Kazimierz erwischt, sehr hübsch und auch günstig, aber garantiert ein Opfer der Gentrifizierung der letzten Jahre. Ein älteres und von außen nicht sehr ansehnliches Wohnhaus scheint quasi komplett in kleine Ferienwohnungen verwandelt worden zu sein. Vermutlich auf Kosten von bezahlbaren Mietwohnungen.

Nach einer kurzen Pause dann die erste Stadtbesichtigung, fast zufällig gerate ich in eine Führung von Walkative und kann mich gerade noch anschließen. Die Führung durch das jüdische Viertel ist wirklich zu empfehlen, wie übrigens auch die anderen „Free Walking Tours“, an denen ich bislang in verschiedenen Städten teilgenommen habe. Ganz kostenlos sind sie natürlich nicht – am Ende wird um eine Spende gebeten, von irgend etwas müssen ja auch Stadtführer leben.

Die zahlreichen Synagogen, die alten Häuser, der wichtigste Platz haben die Zeit jedenfalls relativ unbeschadet überstanden und strahlen frisch renoviert vor sich hin. Aber das Viertel hat sich auch in ein Disney-Land verwandelt: überall Bimmelbähnchen, die Touristen durchs Viertel fahren, ein Café neben dem anderen, Klezmer-Musik vor historischer Kulisse, Restaurants die „traditionelle jüdische“ Gerichte für Touristen anbieten.

Einen Tag länger bleibe ich noch in Krakau, es gibt weitere Besichtigungen, das Wetter ist nach wie vor gut, ich sitze in Cafés herum und ruhe mich endlich aus.

Tja, und dann suche ich die Bahnverbindung zurück nach Berlin heraus und bekomme unkompliziert auch eine Reservierung für das Rad. Auch diese Ferien sind viel zu schnell vorbei.