Ukraine

Es ist schon immer wieder ein bisschen aufwändig, in die Ukraine zu fahren. Und ehrlich gesagt, ein bisschen mulmig ist mir auch immer wieder, obwohl ich auch während des Krieges schon einige Male da war. Die Situation ändert sich schnell, die Russen produzieren viel mehr Drohnen und Raketen als noch vor einem Jahr, die die Luftabwehr auch noch besser austricksen können. Der Plan dieses Mal: mein kleines Klapprad mitnehmen im Zug durch Polen, in Przemysl übernachten, mit dem Bus nach Kolomyia – eine kleine Stadt am Karpatenrand – und zumindest ein paar Tage mit dem Rad durch die Westukraine fahren, bevor es mit Zug oder Bus weiter ins fast heimische Kyiv geht, dort besser Ukrainisch lernen und eine Menge Freunde und Bekannte wiedersehe.

Im Zug finde ich erstmal meinen Platz nicht – auf dem Ausdruck steht die Nummer 850 statt 85 – dann kaum einen sinnvollen Platz für das Rad. Ich quetsche es auf die Gepäckablage, es steht deutlich über, hält aber bis Przemysl. Am nächsten frühen Morgen sammelt mich dort auch beinahe pünktlich morgens um 7 der aus Prag kommende Bus ein. Dann allerdings warten und warten wir an der Grenze (nichts gegen die Rückfahrt – aber dazu später).   Den Anschluss in Lviv gebe ich schon fast verloren und denke über Alternativen nach. Aber weit gefehlt, am Umsteigepunkt wird auf alle gewartet. Und da gibt es einen Bus mit noch mehr Verspätung.  Also warten wir weiter. Immerhin auf einem Busbahnhof mit überraschend gutem Kaffee. Einige Leute werden nervös: Mit der mehrstündigen Verspätung wird der Bus an bestimmten Zielen mitten in der Nacht während der Ausgangssperren ankommen. Dann wird es schwierig, nach Hause oder eben zum letzten Ziel zu kommen. Ich schaue leicht nervös, wie lange mein Hotel abends geöffnet ist. Müsste klappen.

So ist es dann auch. Als ich endlich vor dem Hotel stehe, erschrecke ich, weil alles dunkel ist, aber der Schein trügt glücklicherweise. Ich bekomme ein hübsches Zimmer und schaffe es, den Luftalarm der Nacht zu verschlafen ( Kolomyia ist ein Kleinstadt ganz im Westen, die berühmt ist für bemalte Ostereier. Dass einem hier etwas passiert ist schon eher unwahrscheinlich).

Der Busbahnhof wir ausgebaut – es gibt kriegsbedingt erhöhten Bedarf, seit keine Flugzeuge mehr fliegen

Kolomyia – Sniatyn

47 km

Osterei-Museum
Stelltafeln für gefallene Soldaten

Ich trinke ausführlich Kaffee und spazieren durch die Stadt: Brunnen, Rathaus, Ostereier- Museum und dann lange Reihen von Stellwänden mit gefallenen Soldaten. Um Punkt neun eine Durchsage aus dem Lautsprecher in der Fußgängerzone. Ich verstehe nicht sofort, aber ein Blick die Straße entlang genügt: es ist die Schweigeminute für die Gefallenen. Alle, wirklich alle bleiben für eine Minute wie eingefroren stehen. Über den Lautsprecher tickt eine Uhr. 60 Schläge, dann geht das Leben weiter, genau da, wo es eingefroren war.

Die Strecke nach Sniatyn fahre ich ohne Pause. So bekomme ich keinen Regen ab, nur starken Wind, der ungefähr aus der richtigen Richtung kommt. Der erste Teil der Strecke ist hübsch, auf kleinen Nebenstraßen, die meist gut zu fahren sind. Im zweiten Teil nehme ich die Hauptstrasse und die nervt schon ziemlich: viel Lärm, ein Auto nach dem anderen, dicht überholende LKW.

Ich kenne nichts, wofür Sniatyn bekannt sein könnte, aber man kann sich ja überraschen lassen.

Google gibt mir einen Treffer für ein Museum und ich gehe hin. Es handelt sich um einen einzigen Raum, in der Mitte sind Bücher ausgestellt, drum herum auf Tücher gemalte Bilder. Ich werfe auf alles einen Blick und will schon wieder gehen, aber die Betreuerin der Ausstellung ruft mich zurück. Sie will aufschreiben, wer da war und fragt nach meinem Namen. Aus Deutschland sei ich? Sehr interessant, da muss sie mich interviewen, sagt sie und bittet mich, mich zu setzen. Wo ich geboren bin, was ich seither so mache, wie oft ich schon in der Ukraine war, was meine Eindrücke sind, fragt sie, und notiert alles in einem Heft, in dem sie Geschichten ihrer Besucher sammelt – ich bin nicht mehr ganz sicher, ob ich Besucherin oder Ausstellungsstück bin.

Ausstellung in Sniatyn

Sniatyn – Chernivtsi

38 km

Meine Apps sind ziemlich zurückhaltend damit, mir andere Strecken als die vielbefahrenen Hauptstraße zu empfehlen, und das, obwohl es auf einem Teil der Strecke eine ziemlich offensichtliche Alternative gibt. Entsprechend habe ich Bedenken, als ich auf die Nebenstraße fahre. Das Problem: Schlammsaison. Zwar regnet es gerade nicht, aber überall sind große Pfützen und auf unbefestigten Straßen kann das schnell unangenehm werden.

Und klar, es geht langsam, auf der Lehmstraße sind Millionen Schlaglöcher zu unkurven, aber am Ende ist es halb so wild. Und stellenweise gibt es sogar richtig guten Asphalt. 

Noch vor 12 bin ich in Chernivtsi. Genug Zeit, durch die Stadt zu spazieren, Kakao im Café -Museum mit jeder Menge Österreich-Ungarn-Memorabilien zu trinken, Konzertkarten zu kaufen und eine Stadtführung für morgen herauszusuchen.

Fußgängerzone Chernivtsi

Chernivtsi

Die Fans der Stadt haben Recht: sie ist wirklich schön und lohnt definitiv einen Besuch.

Ich habe nur den heutigen Tag hier und leider hetze ich etwas durch die Sehenswürdigkeiten: die Universität aus dem 19. Jahrhundert, eine Stadtführung, ein Termin zur Massage und dann abends noch ein Highlight: ein Konzert von Jerry Heil, zu dem ich gestern noch eine der letzten Karten ergattert habe.

Was auffällt: die Ukraine ist mittlerweile Frauenland. Nicht, das alle Männer im Krieg wären – unter meinen Bekannten sind es nur wenige – aber eben doch einige. Wer noch nicht bei den Streitkräften ist, will da in der Regel auch nicht hin. Und am sichersten ist dazu, nicht von den Einberufungsbehörden kontrolliert zu werden und entsprechend nicht durchs Land zu reisen.

Czernivtsi ist heute jedenfalls voll von Reisegruppen, und der Frauenüberschuss ist absolut frappierend.

Umiversität Chernivtsi
Jerry Heil macht auf die vielen von den  Russen entführten Kinder aufmerksan

Chernivtsi – Ataky

ca 63 km, ca 750 Hm

Den größten Teil der Strecke habe ich Glück: die Straße ist relativ klein, der Verkehr überschaubar. Die Straßenqualität hält sich zwar in Grenzen, aber immerhin ist die Straße asphaltiert.

Ich komme an einem Abzweig zu einem kleinen Ort vorbei, wo anscheinend ein gefallener Soldat nach Hause gebracht wird. Zuerst sehe ich zahlreiche Leute, die mit Blumen am Straßenrand warten. Eine leise Sirene ist zu hören, Autos, die offenbar zufällig vorbeifahren, halten an, Leute steigen aus. Schließlich kommt ein ganzer Konvoi an Fahrzeugen, teilweise Militärs. Die Leute, egal ob zufällig da oder wartend knien am Straßenrand, der Konvoi fährt langsam vorbei. Das Leben geht weiter.

Nachmittags gibt es eine mittelalterliche Festung zu besichtigen, in Khotyn, am Dnistr. Die Anlage ist groß, beeindruckend und es sind gerade nur wenige Touristen da. Gegen einen kleinen Eintritt spaziere ich durch die Festung. Türme, Schutzmauern, Ausstellungen und – ein Wegweiser zu einem Schutzraum. Ich gehe nicht hinunter, aber die Treppe macht den Eindruck, als solle man sich in einem ehemaligen Verlies vor russischen Raketen in Sicherheit bringen.

Festung in Khotyn

Ataky – Kamyanets-Podilskiy

27 km

Es sind nur noch wenige Kilometer nach Kamyanets-Podilskiy, entsprechend lasse ich mir morgens Zeit. Die Radstrecke ist dann zwar einfach, aber nicht ganz ungefährlich: der neue, glatte Asphalt verleitet Autofahrer erheblich zum Rasen, und ein paar Mal werde ich ziemlich knapp von LKW überholt.

Kamyanets-Podilskiy kenne ich schon von einem kurzen Besuch im letzten Jahr. Eine mittelalterliche Festungsstadt mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten, allen voran eine alte Festung, aber auch Kirchen, das Rathaus, Museen und viele Cafés gibt es. Alles jedenfalls sehr sehenswert.

Im Dominikanerkloster bekomme ich eine Privatführung angeboten, für 10 Hryvnya, also auch für ukrainische Verhältnisse praktisch nichts. Wenn ich die gerade nicht habe, sagt mir der Führer, ist es auch egal. Und zeigt mir sehr ausführlich die Kirche. Die ältesten Fresken, die Restaurierungen, die verschiedene Epochen sichtbar bleiben lassen, Reste der kurzen türkischen Herrschaft im 17. Jahrhundert.

Die alte Festung kenne ich schon, allerdings war mein letzter Besuch sehr kurz. Heute kann man bogenschießen (ja, auf das Portrait eines gewissen Diktators). Ich probiere es, treffe aber leider nicht gut.

Bushaltestelle
Fresken im Dominikanerkloster
Festung in Kamyanets-Podilsky

Kyiv

Nach Kyiv geht es mit einem Kleinbus, mein Klapprad im Schlepptau. Begeistert ist der Fahrer nicht, als er es in den ziemlich engen Gepäckraum quetscht. Meine (kleinen) Fahrradtaschen muss ich zur Strafe mit an den Platz nehmen. Dann fahren wir ohne Zwischenfälle nach Kyiv. Unterwegs allerdings sehe zerstörte Gebäude, wie ich sie bislang noch nicht gesehen habe. Es handelt sich um große Hallen in Straßennähe, von denen nicht mehr viel übrig ist, außer Schutt und verbogenen Stahlträgern.

In Kyiv folgt noch eine kurze Taxifahrt, dann bin ich in meinem Airbnb. Es ist eine Wohnung ganz nah am Maidan Nezalezhnosti, in der ich auch im letzten Jahr schon war. Sie hat eine Besonderheit, die zu anderen Zeiten eher doof wäre: Ein Wohnzimmer ohne Fenster und hinter zwei Wänden mit einigermaßen bequemem Sofa. Zwei Wände zwischen draußen und dem eigenen Aufenthaltsort, das ist die Empfehlung für Luftangriffe, wenn man nicht in einem echten Schutzraum ist. Viele Leute gehen, wenn es draußen laut wird, in den Korridor oder ins Bad, um vor Splittern geschützt zu sein, ich freue mich, eine Wohnung mit passendem Sofa gefunden zu haben. Ebenso erfreut stelle ich außerdem fest, dass bereits ein größerer Vorrat Wasser im Apartment ist, für die Fall, dass die Versorgung ausfällt. Nachteil der Wohnung: es gibt keinen zweiten Ausgang im Fall eines Brands im Treppenhaus – unter normalen Bedingungen würde ich darauf natürlich nie achten.

In den folgenden Tagen treffe ich Freunde und Bekannte, wir gehen spazieren und sitzen in Cafés und Restaurants. Viele davon arbeiten mit gewohnt hohem Anspruch: Ich lerne hervorragende Konditoreien mit Törtchen und Latte-Art kennen.

Das sind die Tage. Die Nächte sind zumindest teilweise nicht so schön und ruhig. Ich war schon einige Male, auch während des Krieges, in Kyiv, hatte aber bislang jedes einzelne Mal Glück: zwar gab es häufige Luftalarme, aber sie waren meist kurz und es waren in der Stadt nie laute Explosionen zu hören. Nach ein paar ereignislosen Nächten ist es dieses Mal anders. Ich wache nachts vom Alarm auf und kaum habe ich schlaftrunken mein Handy in die Hand genommen, um zu sehen, was los ist, höre ich schon dumpfe Knalle – bei mir nicht sehr laut, aber doch deutlich. Ballistische Raketen, sagen die einschlägigen Telegram-Kanäle. Sehr schwer abzuschießen, hohe Zerstörungskraft, sehr schnell. Zwar packe ich mir jeden Abend einen Rucksack und lege ein paar Klamotten so hin, dass ich mich in wenigen Sekunden anziehen kann, aber bei ballistischen Raketen hilft das nicht – man kann nur noch in einen sichereren Raum oder Korridor gehen, nicht nach draußen zur U-Bahn. Es kommt eine weitere Rakete, dann Entwarnung – aber nur für zwanzig Minuten, bevor das Spiel von vorn beginnt. Tja, und zugegebenermaßen, den dritten und längsten Alarm der Nacht verschlafe ich dann einfach, obwohl er nochmals über sechs Stunden dauert und auch noch nicht vorbei ist, als ich schon meinen Frühstückskaffee getrunken habe. Auf Telegram sind unendlich viele Nachrichten, es war ein großer Angriff auf Kyiv und auf Vororte, vor allem auf Energieanlagen. Stromerzeugung, Gasanlagen. Das Zentrum, wo ich bin, ist weniger betroffen, aber in Richtung Bucha/Irpen/Hostomel war die Nacht offenbar ziemlich furchtbar.

Um 9 morgens habe ich eigentlich Unterricht – ich mache in Kyiv auch Bildungsurlaub. Ich warte dennoch noch das Ende des Luftalarms in meiner Wohnung ab und stürme dann los. Nach ein paar Schritte fällt mir auf, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt es mir ein, klar, morgens um 9 ist Gedenkminute. Im Gegensatz zur Kleinstadt Kolomyia wird die hier nicht über Lautsprecher angekündigt. Ich bleibe stehen, wo ich bin. Einem jungen Paar ein paar Meter weiter geht es genauso. Sie stellen mitten auf der Straße fest, wie spät es ist und bleiben genau dort stehen.

Tatsächlich hat mein Unterricht dann noch mehr Verspätung als ich: die Lehrerin wohnt eben nicht mitten im Zentrum. In ihrer Umgebung gab es in der Nacht Schäden und sie musste zunächst einer Freundin helfen.

Dem Angriff folgt in der nächsten Nacht noch ein weiterer, und damit fangen sie an, die Stromausfälle, zunächst ohne Ankündigung, aber schon schnell mit einem Zeitplan, der fortlaufend veröffentlicht wird. Mit meiner Wohnung habe ich Glück, vielleicht weil ich dort wohne, wo die Ausländerdichte am größten ist, vielleicht aus technischen Gründen. Jedenfalls ist jeweils nach wenigen Stunden der Strom wieder da – und klar, ich habe Powerbanks, Kerzen, Taschenlampe, Campingkocher dabei. Woanders sieht es schlechter aus, Leute haben teilweise den ganzen Tag keinen Strom. Der Zeitpunkt, an dem in Kyiv die Fernwärme angeschaltet wird, wird noch einmal nach hinten gelegt. Schon jetzt ziehe ich für den Unterricht einen Pullover mehr an, als üblich. Überall vor den Geschäften in der Stadt rattern bei Stromausfall Generatoren, kleine vor Restaurants und Läden, große vor Einkaufszentren. Auch Privatpersonen haben in der Regel Powerstations, also Akkus und Wechselrichter, um die wichtigsten Geräte auch bei Stromausfall bedienen zu können.

Selbst eine Kinopremiere sehe ich, während eines Stromausfalls – vor dem Gebäude steht ein großer Generator, drinnen ist alles wie sonst auch.

Auch sonst: Kyiv lebt. Cafés, Restaurants, Kinos, Theater, alles funktioniert wie immer. Ein paar Läden, die ich noch kannte, haben geschlossen, an ihrer Stelle gibt es jetzt: Cafe-Buchhandlungen. Wirklich, überall, an jeder Ecke. Und sie sind voller Leute. Bekannte bestätigen mir, ja, lesen ist modern geworden in letzter Zeit. Bücher werden gekauft, gelesen, und man spricht darüber, gerade junge Leute. Mein eigener Eindruck ist, dass sich der Markt für ukrainischsprachige Bücher unglaublich schnell entwickelt. Bis vor wenigen Jahren wirkte alles etwas hausbacken, Verlage waren klein, Bücher oft nicht lieferbar. Jetzt… scheint der Markt explodiert zu sein. Klar, ich decke mich auch ein.

Das Schutzgerüst um ein Standbild ist mittlerweile mit Efeu überwachsen

Auch dieses Mal gehen die Tage in Kyiv zu schnell zu Ende. Für die Heimreise habe ich keine Bahnfahrkarten bekommen, habe mich wohl zu spät darum gekümmert. Also wird es ein Flixbus, eine durchgängige Verbindung von Kyiv nach Berlin. Ich bin schon ein bisschen vorgewarnt: in der Ferienzeit dauerte der Grenzübertritt auch bisher manchmal sehr lange und die EU hat eine neue Regelung zur Speicherung von biometrischen Bildern und Fingerabdrücken, die das offensichtlich nicht besser macht. Dennoch, es wird deutlich schlimmer als erwartet: der Bus steht von etwa 1 Uhr nachts bis 21 Uhr am folgenden Abend an der Grenze in Medyka/Przemysl, die auch wirklich unterbesetzt und miserabel organisiert scheint. Die meiste Zeit warten wir zusammen mit vielen anderen Bussen an einer Tankstelle, an der es zumindest Kaffee gibt (guten Kaffee, wir sind ja noch in der Ukraine!), aber die mit dem Ansturm natürlich hoffnungslos überfordert ist.

Und dann ist da noch jemand im Bus, der bemitleidenswert und verdächtig viel hustet. Und was soll ich sagen, zwei Tage, nachdem wir endlich in Berlin ankommen, liege ich mit Covid im Bett. Aber natürlich, jede Reise in die Ukraine ist schön, auch wenn sie aufwändig ist.