Durch Armenien

29.9.2017 Tbilisi – Alaverdi

78 km mit dem Rad, bewölkt und Nieselregen

Der Taxifahrer ist überpunktlich um 20 nach 8 am Hotel, ich stürze den Kaffee hinunter, lade das Fahrrad in den Kofferraum und es geht los. Taxifahrer sind immer wieder eine gute Gelegenheit, mein Russisch auszuprobieren. Es sind garantiert mehrere Fehler in jedem einzelnen Satz, aber davon abgesehen komme ich überraschend gut zurecht. Nur als der Fahrer mich fragt, wieviel ich verdiene, wage ich nicht, ihn zu verstehen. Ist ein deutsches Einkommen hier nicht ein bisschen unverschämt?

Gegen 9 sind wir in Marneuli und ich fahre mit dem Rad weiter. Immer mit leichtem Nieselregen, von der Temperatur her angenehm, aber als grau in grau. Am Straßenrand verkaufen kleine Stände ihre Waren. Und nein, dieses Mal handelt es sich nicht um Cola und Chips, sondern um Waschpulver: Ariel, Persil, Perwoll. Ich habe keine Ahnung, warum, aber ich fahre an sicher 20 Ständen vorbei, die in Wesentlichen Waschmittel im Angebot haben.

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Dann kommt die Grenze, Ausreisestempel, Einreisestempel und ich bin in Armenien. Am ersten Garagenladen, den ich sehe, kaufe ich eine SIM-card für umgerechnet 4 Euro.

Heute sind nur ein paar Höhenmeter zu bewältigen, aber rechts und links neben mir türmen sich bereits die Berge, ich fahre durch das Debed Canon. Auch hier wieder eine sehr beeindruckende Landschaft. Was ich leider nicht schaffe, ist, die Weltkulturerbestätten am Wegesrand anzusehen. Obwohl man sie eigentlich gesehen haben muss. Es sind einfach zu viele Höhenmeter zwischen mir und den Klöstern.

Das ist auch deshalb schade, weil es in Alaverdi offenbar ein interessantes Projekt gibt, mit dem Ziel,  lokale Guides für die Sehenswürdigkeiten und auch für Wanderungen in der Umgebung auszubilden und Führungen anzubieten:  www.alaverdiguides.com.

Schön ist hingegen der heutige Abend, es gibt Abendessen und Wodka gemeinsam mit den anderen Touristen in der Unterkunft, einem älteren französischen Paar mit ihrem Fahrer und einem deutschen Paar, das unterwegs ist zu einer Hochzeit in Yerevan.

30.9. – 1.10.2017 Alaverdi – Wanadsor

77 km, bewölkt, maximal 15 Grad, abends ganz schön kalt.

Übernachtung: Pension Iris in Alaverdi, nett und ein Treffpunkt für Reisende und MagHay in Wanadsor

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Ob ich etwas Falsches gegessen habe oder einfach nur der hausgebrannte Wodka zuviel war, mir ist morgens schlecht, es ist nicht an Frühstück zu denken, an Radfahren schon gar nicht. Ich schaffe es gerade mal, mich nach unten zu schleppen, Tee zu besorgen und meine Unterkunft um eine Nacht zu verlängern. Irina, die Wirtin der Pension Iris umsorgt mich mit Tee, weißem Reis und einen Radiator für das ziemlich kalte Zimmer – die Temperatur ist mittlerweile ganz schön gefallen. Erst am Nachmittag schaffe ich es kurz zum nächsten Geldautomaten.

Am nächsten Morgen geht es mir besser und ich fahre los. Die Straße nach Wanadsor ist wegen Bauarbeiten gesperrt, mir bringt das  zusätzliche 40 km ein, außerdem  einiges an Höhenmetern, OSM spricht von 1500 m Anstieg. Und das merkt man. Es beginnt mit Serpentinen, heraus aus dem Debed Canyon, geht weiter mit etwas sanfterem Anstieg über einen Pass und ein paar kleineren Abfahrten  um eine Schlucht herum bevor es dann noch einmal in Serpentinen ein gutes Stück nach oben geht.

IMG_20171001_101322Die Landschaft: tiefe Canyons und Hochebenen mit in dieser Jahreszeit trockenen und gelben Feldern. Und überall kreisen große Raubvögel, die ich für Adler halte. Die fast magische Landschaft ist aber überall durchsetzt von Bausünden der scheußlichsten Art, häufig halb verfallene, halb noch betriebene Industrieanlagen.

IMG_20171001_125521 Die Dörfer und Städte wirken ausgesprochen ärmlich, ich bin fast überrascht, als ich in einer größeren Stadt gegen Mittag noch ein Restaurant finde, in dem ich Tee und Hühnersuppe bekomme.

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Nach den endlosen Anstiege folgt ein langer Tunnel, in dem es leicht begab geht. Ich ziehe alles an, was auffällt und hell ist, die Stirnlampe, die Warnweste und entscheide mich dann doch für den schmalen Gehweg neben der Fahrbahn. Einerseits eine gute Entscheidung, die PKWs könnten mich auf der Fahrbahn sicher überholen, aber mit der LKW-Kolonne, die irgendwann durchkommt, wäre es schwierig. Aber auch der Gehweg ist nicht ohne : schmal, einen halben Meter oberhalb der Fahrbahn und an vielen Stellen eingebrochen. Letztlich schiebe ich das Rad den geschätzten Kilometer durch den Tunnel. Danach kommt dann glücklicherweise die ersehnte Abfahrt, die letzten 10 km rollen praktisch von selbst.

2.10.2017 Wanadsor – Sevan (mit dem Taxi!)

14 km mit dem Rad, von Sevan nach Sevanakan und zurück. Regen, dann noch mehr Regen und Hagel, dann ein bisschen Sonne.

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Ich sehe morgens aus dem Fenster, dann auf die Wetterapp, dann auf einen anderen Wetterbericht und schließlich frage ich noch die Wirtin meiner Unterkunft. Alles hilft nichts, es ist für den ganzen Tag Regen angesagt. Und das Programm heute ist umfangreich : nur etwa 75 km aber über 1500 Höhenmeter aufwärts  und ein Tunnel, von dem ich ohnehin nicht weiß , wie ich ihn bewältigen soll. Das geht nicht, ich frage nach einem Taxi und spaziere erst einmal ein bisschen durch die Stadt. Das Kunstmuseum ist montags leider geschlossen, dafür gibt es eine schöne Kirche (Hilfe, was für eine ist das? Brauche ich ein Kopftuch oder gucken die Leute komisch, weil ich mir vor der Kirche eins um den Kopf binde?)IMG_20171002_091848

Außerdem gibt es einen großen Markt mit Obst, Gemüse, Kaffee, Fleisch und Fisch (ungekühlt, zum Glück ist es nicht mehr warm) und überdimensional vielen Schuhen.

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Mittags bringt mich der Fahrer nach Sevan. Ich bin beeindruckt von den vielen Serpentinen, die ich nun nicht mit dem Rad zurücklegen muss und stelle fest, dass der Tunnel wirklich ein Problem wäre : schmal, dunkel, kein durchgehender Fußweg, über 2km lang und leicht ansteigend.

Sevan liegt an gleichnamigen See, ein riesiges Gewässer in fast 2000 Metern Höhe, umgeben von noch höheren Bergen. Leider auch umgeben von hässlichen Billig-Resorts fürs Party – Volk.

Meine Unterkunft liegt direkt in Sevan, ein Gästehaus bei einer Familie, in deren Wohnzimmer ich mich gleich zum Tee wiederfinde. Als ich losziehen will um zumindest noch ein Kloster zu sehen, bricht noch einmal ein Unwetter los mit Sturm und Hagel. Aber schließlich klappt es doch noch : kaum hört der Regen auf, radle ich die paar km auf der Autobahn nach Sevanakan und sehe neben zwei sehr alten, aber auch recht kleinen Kirchen von Nebel umspielte Berggipfel, und Sonnenstrahlen zwischen dunklen Wolken.IMG_20171002_161129IMG_20171002_162241

3.10.2017 Sevan – Yerevan

82 km bewölkt und gelegentlich Regen

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Ich habe die Wahl zwischen einer autobahnähnlich ausgebauten Straße und kleinen Straßen, deren Qualität nicht ganz klar ist. In beiden Fällen geht es nach Yerevan deutlich mehr bergab als bergauf, aber natürlich läuft es in Armenien nie ganz ohne Anstiege. Ich probiere die kleineren Straßen. Zunächst klappt das ziemlich gut, manchmal sieht der Weg allerdings auch so aus :IMG_20171003_092952

Und ab und zu ist auch mal eine Kuh- oder Schafherde  im Weg.

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Wenn man schon recht nah an einer Großstadt ist, kann man außerhalb der Niederlande und ähnlicher Fahrradländer kaum mit hübschen Landschaften und romantischen Radwegen rechnen. Und so bekomme ich heute noch mehr Bausünden, heruntergekommenen Industrieanlagen und (schwelende) Müllkippen zu sehen als zuvor.

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Die alten Busse, die hier fahren, sehen zwar sehr niedlich aus, aber der Qualm, den sie aus dem Auspuff pusten ist so dicht, dass man an einen staubbetriebenen Düsenantrieb denken muss.

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Zugegeben, dieser Bus fährt überhaupt nicht mehr

Die letzten 10 km durch den dichten Stadtverkehr sind anstrengend, mein Handy leitet mich aber ohne Probleme zum Hotel, das sich als ziemlich angenehm herausstellt: zentral, einigermaßen ruhig, riesiges Zimmer.

Eine Weile schlendere ich noch ziellos durch die Stadt: durch einen touristischen Straßenmarkt, über den Republikplatz, durch eine eher langweilige Fußgängerzone und eine Grünanlage. Immerhin eine kleine hübsche Innenstadt gibt es in Yerevan.

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4.-5.10.2017 Yerevan – Berlin

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Mir bleibt noch ein einziger Urlaubstag. Zeit für etwas Sightseeing und für die Vorbereitungen zur Rückreise. Wieder einmal besuche ich einen Markt, dieses Mal kaufe ich Tee, Gewürze, Honig, nun muss ich die Sachen ja nicht mehr durch die Gegend fahren. Der Markt liegt knapp außerhalb der touristischen Innenstadt, dennoch sind gute Teile davon wohl für Leute wie mich gemacht, es gibt viele Stände mit aufwändig drapierten Trockenfrüchten, vermutlich typische Mitbringsel. Manches ist auf Russisch ausgezeichnet, für die russischen Touristen. Es gibt aber auch Obst, Gemüse, Schweinehälften sowie lebende Hühner und Fische.

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Dann ein Museum, wieder einmal das örtliche Geschichtsmuseum, danach hole ich mein Fahrrad ab und mache mich auf den Weg zu meiner letzten Unterkunft, einer Pension sehr nahe am Flughafen, die außerdem kostenlosen Transfer dorthin, auch mitten in der Nacht, anbietet. Wie immer sind die Straßen aus der Stadt unangenehm: es geht los mit einer 8-10-spurigen Straße (will heißen: acht Spuren sind eingezeichnet, aber wenn pro Richtung 5 Autos nebeneinander passen, fahren sie so auch. Man muss sich auf dem Rad konzentrieren: unentwegt halten Kleinbusse an, die man umfahren muss, genau im falschen Moment fahren sie dann wieder los und drängen einen nach links. Natürlich rechnet niemand damit, dass ein Fahrzeug rechts der Autos auftauchen könnte. Soweit mich die Autofahrer sehen, nehmen sie aber Rücksicht. Mehr als einmal warte ich rechts von einem Auto an einer Ampel. Wenn die dann grün wird, fährt das Auto nicht los, bevor ich weg bin.

Dann geht es auf kleinere Straßen und bald finde ich mich, noch in Yerevan, wieder auf ungepflasterten Holperwegen wieder.

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Die ganze Zeit schon halte ich Ausschau nach einem Laden, der etwas verkauft, das als Verpackungsmaterial für mein Rad dienen kann. Beim Rückflug muss ich umsteigen, außerdem fordert die Fluggesellschaft eine Verpackung. Ich finde nichts Offensichtliches, schließlich frage ich meine Wirtin. Und tatsächlich: sie nimmt mich mit in einen kleinen Abstellraum, in dem mehrere komplette Fahrradkartons stehen – offensichtlich von Fahrern aus dem Baltikum, die hier ihre Räder ausgepackt haben. Wunderbar. Ich mache mich ans packen, Lenker querstellen, Vorderrad rausnehmen (Achse ebenfalls, dies wird erfahrungsgemäß leicht verbogen), Umwerfer abschrauben, empfindliche Teile in die Rohrisolierung wickeln, die ich die ganze Zeit mit mir herumtrage, alles in den Fahrradkarton, der so staubig ist, dass ich hinterher gelbbraun gepudert bin und mein Klebeband kaum hält. Erstmal abstauben wäre besser gewesen.

Am Morgen dann klingelt mein Wecker um drei Uhr, mein Wirt fährt mich pünktlich um halb vier zum Flughafen. Abgesehen davon, dass das Gepäck nun sehr unhandlich ist und es nicht einfach ist, den Trolley durch die Menschenmengen zu bekommen, läuft alles reibungslos. Nach kurzer Zeit bin ich das Gepäck los, muss vor dem Flieger fünf mal meinen Pass und die Bordkarte zeigen, einmal den Finger scannen lassen. Jedes einzelne Mal wird minutiös kontrolliert. Außerdem werde ich mein Schlüsselanhänger-Taschenmesser los, das nach europäischen Sicherheitsregelungen eindeutig handgepäckfähig ist (ja, die ganz winzigen Taschenmesser gehen wieder – aber nicht in Armenien). Aber schließlich bin ich im Flieger und erreiche auch den zweiten Teil der Umsteigeverbindung in Kiew.

In Berlin freue ich mich, dass mein Gepäck es ebenfalls geschafft hat, wenn auch der Fahrradkarton sehr gerupft aussieht. Es liegt wohl daran, dass es eine Weile ungeschützt im Regen auf dem Rollfeld stand. Das Rad ist in Ordnung.

Berlin empfängt mich mit eiskaltem strömenden Regen. Und dabei habe ich Glück. Es ist ein schwerer Sturm angesagt, aber noch ist der Wind erträglich. Nach 12 km komme ich völlig durchnässt zu Hause an, nur ein paar Stunden bevor hier die Hölle losbricht und nichts mehr geht: der Bahn- und S-Bahnverkehr wird eingestellt, Busse fahren nicht mehr, selbst einige U-Bahn-Linien sind betroffen. Auf der Straße vor meinem Haus liegt ein entwurzelter Baum, die abgebrochenen Äste sind beeindruckend. Als ich mich am Nachmittag noch einmal aus dem Haus traue, weil ja absolut nichts zu essen da ist, habe ich den Eindruck, dass es hier draußen viel gefährlicher ist als im  Kaukasus.

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