Wandern in Svanetien

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Der Plan: Mit meinen Sohn und seiner Freundin nach Georgien fliegen, eine knappe Woche zum Wandern nach Svanetien fahren, dann mit dem Rad durch die Region. Ein bisschen kompliziert ist schon vor dem Abflug die Logistik: ich brauche die Sachen zum Wandern und die zum Radfahren und einen Ort, wo ich das Rad für die erste Woche unterstellen kann.

Der Tag beginnt, natürlich viel zu früh: Vor halb fünf klingelt der Wecker. Der erste Schreck kommt, als ich die Wanderschuhe anziehe: die Sohle löst sich großflächig in den Schuhen. Ja, ich weiß, dass der Kleber nicht ewig hält und die Schuhe sind sich schon über zehn Jahre alt. Aber ich war vor ziemlich genau einem Monat mit diesen Schuhen unterwegs, und alles war noch in Ordnung.

Am Flughafen angekommen, geht gerade die Sonne auf, als ich das Rad verpacke. Die Fluggesellschaft will es so, ich habe bislang bessere Erfahrungen mit unverpackten Rädern. Da ich einen Karton kaum zum Flughafen bekommen hätte, habe ich jede Menge Knallfolie und eine Regenschutzhülle, die ich unten mit Hilfe von ein paar eingenähten Knopflöchern zubinde. Ob das reicht? – keine Ahnung, noch ist das Rad nicht ausgepackt.

In Kutaisi suchen wir ein Taxi, das groß genug ist, um drei Personen und das Fahrrad zu transportieren. Ein Fahrer nimmt uns mit, er hat einen älteren Mercedes. Das Fahrrad kommt auf den Rücksitz, ein Lenker schaut etwas aus dem Seitenfenster heraus. Wir beiden Frauen quetschen ins hinter das Rad auf die Rückbank. Leider kann ich kein Foto von uns machen, ich bin ja eingeklemmt. Zum Glück sehe ich so auch nichts von dem abenteuerlichen Fahrstil unseres Fahrers. Die beiden anderen versichern mir, dass die Fahrt sehr spannend war.

Im Hotel läuft alles wie geplant: mein Rad wird, noch immer vom Flug verpackt, auf dem Dachboden untergebracht und darf für die nächste Woche bleiben, ebenso wie die Fahrradtaschen. Außerdem reserviert uns der sehr nette Rezeptionist Plätze im Bus nach Mestia, bietet an, dass wir früher frühstücken können und ruft uns ein Taxi in die Innenstadt, wo es uns tatsächlich gelingt, einen Schuster zu finden, der meine Wanderschuhe klebt. Es ist ein winziger Laden, den wir auch dann nicht erkennen, als wir davor stehen. Zum Glück hilft die Verkäuferin im Nachbarladen.

Außer zu Essen (sehr gut) schaffen wir es noch in die örtliche Kathedrale, die auf Deutsch Maria Entschlafen heißt und in ihrer ursprünglichen Form mehr als 1000 Jahre alt ist. Beeindruckend ist vor allem das Gebäude und die Außenanlage.

Kathedrale Maria Entschlafen

Erkenntnisse des Tages:

  • Das Preisniveau ist sehr niedrig, jedenfalls für alles, was nicht importiert und nicht touristisch ist.
  • Meine Idee, vor der Fahrt meine sehr geringen Russischkenntnisse etwas aufzufrischen,  war extrem hilfreich. So lassen sich auch ein paar Worte mit dem Schuster oder dem Taxifahrer wechseln.

12.9.2017 Kutaisi – Mestia

knapp 30 Grad in Mestia, in Kutaisi mehr

Die Reise in schönere Gegenden dauert ja gern mal etwas länger, also gibt es heute eine Fahrt mit einem der Kleinbusse, die hier Marshrutka heißen. Der Bus fährt los, wenn er voll ist, zum Glück gibt es aber eine allgemein bekannte Uhrzeit, zu der das der Fall sein soll. All die Svanetien-Trekker mit ihren Rucksäcken finden sich zwischen halb neun und neun am Busbahnhof ein. Als der Bus losfährt ist er bis auf den letzten Platz besetzt, zusätzlich steht ein Hocker im Gang, für einen Mitreisenden, der später zusteigt.

Klimaanlage gibt es keine, dafür zwei  geöffnete Fenster. Wieder haben wir Gelegenheit, ein paar gewagte Überholmanöver zu besichtigen, der Fahrer scheint das aber doch recht gut einschätzen zu können.

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Dann kommen die Berge, natürlich beeindruckend, häufig sind Gletscher zu sehen, außerdem ein blasstürkisfarbener See, ein lehmiger Fluss und dann gegen Ende der Fahrt jede Menge alter Wehrtürme. Im Reiseführer steht, dass viele davon drohen, zu verfallen, weil die Familien kein Geld für ihren Unterhalt haben. Und tatsächlich fällt mir zu diesen fensterlosen schmalen Türmen kaum eine Verwendung ein.

13.9.2017 Mestia – Zhabeshi

ca. 14 km und viele Höhenmeter, vormittags angenehm, dann heiß

Jemand hat uns gesagt, dass wir den Wanderwege am schnellsten treffen, wenn wir über die Wiese hinter dem Haus gehen, uns durchs Gebüsch zwängen, über einen Zaun klettern und weiter über ein paar Felsen nach oben klettern. Es funktioniert, wie treffen zunächst  auf einen Fahrweg, der uns ein Stück nach oben führt und dann schmaler wird. Der Aufstieg liegt glücklicherweise fast ganz im Schatten, außerdem ist die Temperatur am Vormittag noch angenehm. An den meisten Stellen ist der Weg kaum zu verfehlen, nach der ersten Hälfte der Strecke ist auch die Markierung recht gut. Trotz allem erweist sich der GPS Track auf dem Handy (von www.caucasus-trekking.com) mehrmals als  nützlich.

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Vov Chkuti-Pass aus sieht man bereits Zhabeshi, allerdings als letztes einer ganzen Reihe von Dörfern. Nach dem Abstieg vom Pass brennt die Mittagssonne, nun gibt es auf dem Weg auch keinen Schatten mehr. Wir kommen an einem ganzen Dorf vorbei, das nur noch aus Ruinen besteht-.

Bisher hatten wir nur oben auf dem Pass eine kurze Pause, mittlerweile sind wir ziemlich KO. Ein Café finden wir leider nicht, immerhin aber eine Bierbar, in die wir uns setzen, Kekse essen und Cola trinken. Dann weiter. Wir sind mittlerweile im Tal angekommen, neben uns fließt ein Fluss, der offenbar Teile des Ufers weggespült hat, auf dem Weg zu einer Brücke stehen wir plötzlich vor einer Abbruchkante. Die Brücke ist noch da, nur etwas schwerer zu erreichen. Das GPS empfiehlt, auf unserer Seite des Flusses zu bleiben und ihn erst im Zhabeshi zu überqueren. Das tun wir. Der Weg ist schön und, vorsichtig ausgedrückt, interessant. Immer wieder versinken wir in Schlamm, hier kommt fast überall Wasser von den Bergen. Der Weg verschwindet immer wieder an der Bruchkante, 10 m über dem Flussbett. Zwei Brücken soll es über den Fluss geben. Irgendwann kommen wir zu der Stelle, wo die erste einmal war. Zahlreiche Wegweiser zeigen über den Fluss, außerdem Wegmarkierungen. Was fehlt, ist die Brücke. Immerhin könnte die zweite Brücke noch stehen. IMG_20170913_140655

Die Hoffnung wird enttäuscht. Auch hier keine Spur von einer Brücke. Dafür gibt es ein ein Drahtseil über dem Fluss. Einige Männer bieten an, Touristen per Seilrutsche auf die andere Seite zu bringen, klar, dass sie dafür Geld wollen. Wir handeln den Preis ein kleines bisschen runter, dann lassen wir uns der Reihe nach in einen Klettergurt binden und rollen über den Fluss.

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Am Abend ist Maria krank , ihr ist schlecht, sie übergibt sich , an Essen ist nicht zu denken. Die besorge Wirtin fragt mehrmals nach , ob sie nicht doch Medikamente brauchen und ob sie sonst etwas tun kann. Aber es ist wohl nichts zu machen .

heiß und sonnig

14.9.2017 Zhaleshi-Adishi

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Maria geht es zwar etwas besser, eine siebenstündige Wanderung durch die Sonne ist aber definitiv nicht drin. Also fragen wir unsere Wirtin nach einem Auto. Erst sagt sie, es geht nicht, die Straße sei zu schlecht, dann, dass der Weg mit einem Geländewagen schon machbar  ist. Sie ruft jemanden an und fragt nach dem Preis. Ein paar Minuten später hält ein Mann in Grenzschutzuniform vor dem Haus und wartet auf uns. Wir haben noch nicht einmal an Packen gedacht. Tatsächlich ist der erste Teil der Straße nach Adishi fast fertig ausgebaut, danach wird es holprig. Wir brauchen für den Weg von etwa 20km eine Stunde und überqueren unter anderem ein Flussbett, außerdem zahlreiche Stellen, die mit einem PKW nicht zu schaffen wären.
Damit sind wir natürlich am späteren Vormittag am Ziel. Ilja und ich spazieren noch zwei Stunden den Wanderwege entlang, Maria legt sich hin.

IMG_20170914_112137Adishi ist ein Bergdorf, das in den 80ger Jahren durch eine Lawine zerstört wurde, laut Reiseführer blieben nur die Kirchen und die Wehrtürme einigermaßen heil. Die Bewohner wurden danach umgesiedelt, viele kamen erst in den vergangenen Jahren zurück – und eröffneten offenbar zu 100% Gästehäuser. Das Dorf ist nun eine Mischung aus Ruinen und einfachen Unterkünften. Außerdem laufen überall Hühner und Schweine herum, am frühen Abend kommen die Kühe von den Weiden dazu.
Tagsüber kann man sehen,wie das Heu von den Feldern geholt wurde, mit Ochsenkarren, die Schlitten (ja,Schlitten!) über die Staubwege ziehen und sowohl durch die schmalen Gassen im Dorf als auch über die steilen Wiesen, kommen.IMG_20170914_125801

15.9.2017 Adishi – Ipral

8h, es ist wieder heiß

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Meine Halsschmerzen, die gestern Nachmittag angefangen haben, werden über Nacht schlimmer, ein heftiger Schnupfen kommt dazu. Auch Maria ist noch nicht wirklich fit. Trotzdem bleibt uns am Morgen nichts anderes übrig, als zu Fuß loszuziehen, dieses Mal gibt es wirklich keine Straße. Der Weg führt zunächst etwa 6km relativ flach durchs Tal und überquert dann eine kleinen Fluss. Wir sind anscheinend die einzigen, die dafür die angebotenen Pferde nutzen, unser Wirt ist zu diesem Zweck samt Pferd mitgekommen. Die wirklich vielen anderen Wanderer kreuzen zu Fuß durch das momentan relativ flache, eiskalte Wasser.IMG_20170915_102714
Danach geht es hinauf zum Chkunderi Pass, immer gegenüber einer Gletscherzunge und mit phantastischer Aussicht. Maria schleppt sich mehr oder weniger mit letzter Kraft nach oben, nach der Pause am Pass geht es ihr aber immer besser. Dafür bin ich nun ernsthaft erschöpft, meine Erkältung macht sich bemerkbar. Als wir in Iprali ankommen, kann ich mir nicht vorstellen, mich jemals wieder zu bewegen.IMG_20170915_095357.jpg

16.9.2017 Iprali-Ushguli

4h, heiß

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Wir haben überlegt , auf dem letzten Teil der Wanderung zu verzichten , weil er nicht sonderlich schön sein soll und weil wir nach wie vor etwas angeschlagen sind. Nach einiger Überlegung gehen wir doch los.
Manche Beschreibungen klingen, als liefe man den ganzen Tag die Straße entlang. Das könnte man zwar tatsächlich tun, man würde sich auch einiges an Höhenmetern sparen, aber zu empfehlen ist es nicht. Wir biegen im Dorf Dawgeli von der Straße ab, überqueren eine wackelige Holzbrücke und machen uns über einen schmalen Pfad auf den Weg nach oben.

Ein Hund, von dem es im Internet schon ein Foto gibt, weil er wohl öfter Wanderer spazieren führt, kommt mit und lässt sich sich nicht von den anderen angreifenden Hunden aus dem Dorf beeindrucken, schließt sich aber letztlich einer anderen Gruppe an.IMG_20170916_100144
Der Weg führt weit über dem Tal entlang, mit Blick auf grüne Hänge und häufig im Schatten, bis er schließlich wieder auf die Straße trifft.
In Ushguli angekommen, ist es sehr unkompliziert, Plätze in einem Kleinbus zurück nach Mestia zu bekommen, für 20 Lari das Stück. Eine Stunde haben wir noch, um durchs Dorf zu laufen und eine Cola zu trinken, dann lassen wir uns von dem geländegängigen Kleinbus zurückschaukeln. Die Strecke zwischen Ushguli und Mestia wird gerade befestigt. Unsere Fahrt machte das ein bisschen spannender, weil der Bus oft auf dem winzigen Streifen neben der neuen Straße auf der einen und dem Abgrund auf der anderen fahren muss, in Zukunft dürfte die Strecke aber einfacher werden.

17.9.-19.9. Mestia- Kutaisi – Batumi

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Zum Frühstück bekommen wir einen Eindruck von den Veränderungen, die in Mestia ablaufen: wir bekommen unser Frühstück in einem Hotel ein paar Meter von unserer einfachen Pension entfernt. Die Betreiberin hat offensichtlich bereits aufgerüstet und neu gebaut.   Das Haus ist noch nicht ganz fertig, sieht aber schick aus. Auch sonst wird an allen Ecken gebaut.

Nach dem Frühstück geht es dann mit der Marshrutka zurück nach Kutaisi. Beim ersten Teil der Fahrt haben wir Glück und sind praktisch allein im Bus. Zum Ausgleich müssen wir dann in Zugdidi umsteigen. Danach stellen wir fest, dass in einen Kleinbus doch viel mehr Menschen passen als es Plätze gibt.

In Kutaisi kümmere ich mich zunächst um die spannende Frage, ob mein Fahrrad den Flug unbeschadet überstanden hat, die erste Woche über stand es ja verpackt auf dem Speicher eines Hotels. Zum Glück stellt sich heraus, dass alles in Ordnung ist.

Am Abend verabschieden ich mich von  Sohn und seiner Freundin, denn Rest der Reise bin ich allein unterwegs.

Zunächst einmal geht es noch einmal mit der Marshrutka weiter. Es stellt sich am Morgen als relativ einfach heraus, mein Fahrrad in so einen Kleinbus zu bekommen. Das Vorderrad muss wieder ab und der Lenker quergestellt werden, aber dann passt es in den winzigen Kofferraum. Der Fahrer behandelt das Rad beim Packen wie ein rohes Ei. Dann geht es weiter nach Batumi, wo ich meine Radtour beginnen möchte.

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Radweg auf der Strandpromenade – ganz Batumi ist von Radwegen durchzogen, obwohl man Radfahrer mit der Lupe suchen muss.

Zunächst lege ich aber noch eine Pause ein und bleibe zwei Tage in der Stadt, vor allem um meine Erkältung auszukurieren. Nach dem heißen und staubigen Kutaisi tut die Seeluft richtig gut. Hier sind ein paar Grad weniger, wenn auch immer noch knapp 30, die Stadt ist wirklich schön und mein kleines Hotel (Hotel Elegant) ist sehr angenehm.  Ich habe Zeit auszuruhen, durch die Stadt zu bummeln, ein Museum und ein paar Kirchen anzusehen und im Meer zu baden.IMG_20170918_160156

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Strand in Batumi

 

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